Toskana 2025

Tag 1 - Auf ins Ländle

 

Wir gehen früh ins Bett. Zumindest die ältere Fraktion, die Buabm schaun noch laaange fern. Mein Puls pendelt sich bei 100 ein. Super. Gummifedern an meinen Lidern lassen sie immer wieder aufspringen. Die Lider, nicht die Buabm, die wiederum sind vor dem TV festgeschweißt. Ich kann nicht einschlafen, vier Uhr soll der Wecker klingeln. Ich kämpfe, ich krampfe, ich gebe auf und schlafe irgendwann gegen halb zwölf ein.

 

Vier Uhr - scharinggggg. Nacht vorbei, die Federn an den Lidern sind nun negativ gepolt und drücken die Lider nach unten. Ach komm, nur noch fünf Stunden schlafen,… Ich krieche stöhnend aus dem Bett. Rücken schmerzt, Augen brennen, komatöse Müdigkeit. Hervorragende Voraussetzungen für eine achtstündige Urlaubsfahrt.

 

Die jungen Herren sind zusammen mit der Chefaufsteherin im Bad und lassen mit ihren kleinen Händchen munter die Zahnbürsten über die kleinen gelben Dinger kreisen. Ich erscheine als letzter im Bad und verlasse es auch als letzter. Erinnerungen an das Faultier der Zulassungsstelle in Zoomania machen sich in meinem Kopf breit. Wahrscheinlich ist mein Badezimmerpflichtabarbeitungsprogramm genauso behände.

 

Anmutig krieche ich die Treppe hinunter und stelle fest, das Reiseteam absolvierte bereits die morgendlichen Fahrtvorbereitungsarbeiten. Ich übernehme die mir übertragende Arbeit, buckele die zwei schweren Taschen raus - denke., „Haben sich meine Liebsten wieder ihre Lieblingsfindlinge eingesteckt?“ - und verzurre diese im Kofferraum. Im Gepäckabteil steht nun alles bis unter die Decke unter Druck, schließlich sollen die haarigen Gefährten (gemeint sind diesmal nicht die Buabm, sondern die Hunde) ebenfalls im Kofferraum Platz finden. Auch dieser Plan geht auf, da ist genug Raum für die beiden Racker (gemeint sind immer noch die Hunde, während der Fahrt ändert sich diese Überlegung aber zu Ungunsten der Buabm…).

 

5:20 Uhr, unser Dieseltackern durchschneidet scharf die Ruhe in unserer Nachbarschaft. Wir fahren los. 5:22 Uhr: SMS unserer lieben Nachbarin, die uns eine gute Fahrt und einen schönen Urlaub wünscht. Ich atme auf, die Nachricht endet nach den guten Wünschen, die befürchtete Conclusio: „…und kommt nur nicht wieder, Ihr Krachbüchsen!“ bleibt glücklicherweise aus. 5:24 Uhr: Das Telefon klingelt. Kurz durchzuckt mich der Gedanke, ob ich die Chefnavigatorin oder einen der Söhne vergessen habe, die Federn drücken nämlich immer noch auf die Lider. Nein, es ist meine liebe Schwiegermutter. Sie ist um diese unchristliche Zeit schon wach und wünscht uns ebenfalls einen schönen Urlaub. 

 

Stopp bei HEM gegen kurz nach halb sechs. Tank füllen, traditionelles Brötchenholen. „Soll ich noch AdBlue auffüllen“, nuschele ich der Oberplanerin auf dem Beifahrersitz zu. „Müsste noch wat drinne sein“, einigen wir uns. Ein paar hundert Kilometer später lehrt uns der Wagen eines besseren. Naja, suchen wir halt eine passende Säule. Ach nein, wir sind ja noch in Deutschland, da gibt es sowas selten. Am Autohof irgendwo im Nirgendwo dürfen wir zwar die Dieselvorräte ergänzen, AdBlue allerdings funktioniert nicht. Egal, wir haben noch 1.500 km, bevor unser Auto nicht mehr startet, belehrt uns besserwisserisch das Fahrerassistenzsystem. Überhaupt, wer hat sich diesen beschissenen, irreführenden Namen einfallen lassen? Wer assistiert hier wem? Wenn ich nicht Adblueiere, dann startet das Ding einfach nicht mehr. Ich nehme mir vor, dasselbe mal assistierend im Familienkreise auszuprobieren: „Kein Neustart in 12 Stunden, wenn der Bierpegel nicht aufgefüllt wird!“

 

Auch die nächste Pause füllt den Pisse-gegen-Feinstaub-Tank nicht. Gegen 14:30 Uhr erreichen wir Heitersheim. Nettes Örtchen, Heiterkeit entdecke ich aber erstmal nicht. Das Hotel’le schaut ganz neckisch aus. „Wir haben ein Zimmerle gebucht“, versuche ich es in Landessprache. Die freundliche Rezeptionistin erwidert, wir sollen doch erschtmal was essen, das Zimmer sei noch nicht fertig. Gesagt, getan. Wir setzen uns in den Außenbereich des hoteleigenen Restaurants und staunen über die Preise. Argentinisches Steak für 14 Euro. „DEAL“, möchte ich brüllen, bestelle jedoch in der mir eigenen zurückhaltenden Form. Mich dürstet es nach der Fahrt etwas und ich frage die blonde Serviererin: „Haben Sie auch Pilsener?“ Der Blick wäre wahrscheinlich auch bei den Fragen nach dem Sinn des Lebens oder wie denn die Relativitätstheorie kindgerecht erklärt werden könne, derselbe gewesen. „Nein, sowas kenne ich nicht.“ Schade. Ich erinnere mich an meine bayerischen Fremdsprachenkenntnisse und formuliere eine passgenaue pointierte Frage: „Helles?“  Vernichtender Blick, soll wahrscheinlich nein heißen. „Wollen Sie ein Pils?“ fragt sie. Dieses Mal muss ich den Blick tragen, denn unser Zweitgeborener, mir genau gegenüber, pustet die Backen auf und unterdrückt ein Lachen. Ich entscheide mich also für Pils, da die kein Pilsener haben.

 

Das Essen kommt, die Wespen auch. Die helfende schwarzhaarige Kellnerin serviert von rechts. Unser Pilsengel hingegen reicht uns das Essen über den Tisch zu. Dabei kommt mir ihr maskengleich überschminktes Gesicht sehr nahe. Sie gibt wahrscheinlich bei allem ihr bestes. Trotzdem schmeckt es. Die Oberdiätöse bestellt sich einen Salat anstatt der Pommes. Der kommt allerdings sehr schnell, die Größe der Salatblätter erklärt auch, warum. Sich das landkartengroße Salatblatt in den Mund faltend, muckiert unser Muckerchen, in ihrer Hotelprüfung habe sie einen Punkt Abzug bekommen, da der Salat nicht mundgerecht geschnitten war. Ich finde das ungerecht, denn schließlich hatte der Koch zumindest die Blätter vom Strunk gezupft.

 

Am Tisch neben uns lässt sich ein Ü-60-Niederländer nieder. Den anwesenden Gästeln führt er nun die Videofunktion sowie die Freisprechmöglichkeit seines mobilen Telefongerätes vor. Der Empfang ist schlecht, brüllt er dem Teilnehmer entgegen. Na, das hat der andere doch bestimmt auch ohne Telefon gehört, denke ich. „Ick bin in Alterstheim“, verstehen wir. „Altenheim!“, „ALTERSHEIM“, brüllt es durch den Biergarten. Wahrscheinlich sagt er Heitersheim, das ist der Ort, den er gerade lautal überdeckt. Wie lustig, denke ich. Das Telefonat dauert noch geschlagene zehn Minuten, währenddessen kann man nicht mal seine eigenen Gedanken hören. Gerade als ich mir gedanklich ausmale, wie ich ihm den Salat mundgerecht in die Fresse stopfe, legt er auf. Ruhe. Nur unsere Ohren piepsen noch.

 

Wir möchten zahlen. Ich winke die Pils-Elfe herbei und säusele ihr meinen Wunsch zu. „Karte oder bar“, fasst sie all die Fragen zusammen, die sich ergeben. „Mit der Karte bitte“, entgegne ich freundlich. Sie stampft davon, um den Apparat zu holen. Zurück am Tisch flitzen ihre manikürten Fingerchen über die Tastatur. Ehrlich-Brothers-gleich lasse ich meine Karte über das Terminal schweben. Es piept und das Pils-Wunder philosophiert: „Das Gerät spackt!“ Abermals entschwindet sie ins Pilsparadies, um mit einem anderen Gerät neben mir zu erscheinen. Die Transaktion glückt, ich ringe mich zu einem Trinkgeld durch, sie hätte mehr erwartet, sticht mir ihr Blick entgegen.

 

Nun dürfen wir das Familienzimmer beziehen. Nett ist es und schön warm, Direkt unterm Dach. Wir packen die nötigsten Sachen aus, ich liege das Kopfkissen probe. Zack, die Liderfedern schnappen zu, ich entschwinde ins Traumland. Zärtlich streichelt mich die Hauptweckerin gefühlte zwei Minuten später wach. Ich denke, meine Familie hat sich einen Streich erlaubt und alle Uhren eine Stunde vorgestellt. Auch das Internet, stelle ich beeindruckt fest.

 

Unsere Ausflugsleiterin schlägt eine Fahrt nach Freiburg vor und setzt sich selbst ans Steuer des AdBlue-Zutzlers. Ich nehme dankbar den Nebenplatz ein. Im Städtchen angekommen, suchen wir einen Parkplatz. Ins Parkhaus passen wir auf Grund der Fahrräder auf dem Dach nicht. Freiburg verfügt über ein elektronisches Parkleitsystem. Der Altstadtparkplatz hat 1.200 freie Parkplätze, erklärt es uns an der Stadtgrenze. Super, da fahren wir hin. 2km später das nächste Hinweisschild. Altstadtparkplatz, 900 freie Plätze. Mensch, hier füllt es sich aber schnell. Weitere drei Minuten später passieren wir den nächsten Informationspunkt, nun sind es nur noch zweihundert freie Parkplätze. Also entweder löschen sich die Parkplätze von alleine, wenn sie nicht genutzt werden oder Freiburg hat wirklich ein akutes Autoproblem…

 

Wir finden einen Stellplatz in einer Nebenstraße. Von dort schleppen wir uns in der Hitze in die Altstadt. Dort ist es wahrlich voll. Ein betoniertes Bächle (so sagt es der Freiburger Eingeborene, wie ich in einem belauschten Gespräch feststelle) durchfließt das Städtele. Die Menschen sitzen mit den Füßeln im Bächle, darüber stehen kleine Tischle und darauf Erfrischungsgetränkele. Wie fast überall, ist das meistgetrunkene Erfrischerle der Aperol Spritzle.

 

Wir kaufen Wasser und Cola und lassen die Getränke durch unsere Kehlen fließen. Als wenn uns ein Engel auf die Seelen pinkelt. Wir schauen uns das wunderschöne Städtele an. Schließlich entschwinden meine drei Mitreisenden in einem Buchladen. Ich schleppe mich zu einem Café weiter und frage, ob ich noch ein Heißgetränk bekommen kann oder ob bereits geschlossen wird. „Eigentlich wollte ich gerade schließen“, sagt die nette Serviererin, fordert mich aber auf, mich zu setzen. Sie bringt mir einen leckeren frischen Kaffee. Bei uns zuhause undenkbar, werden die Kaffeemaschinen doch schon 15 Uhr gereinigt, um pünktlich 20 Uhr Feierabend machen zu können.

 

Wie ich da so im Caféle gegenüber des Bächle sitze, beobachte ich zwei Familien mir genau gegenüber. Auch sie kühlen die Füßle im Bächle. Dann spielen sie Staudammle. Mit Händen und Füßen stauen sie das Wasser auf, zählen bis drei und öffnen die Pforten. Die Flutwelle erfasst das Fläschle einer lesenden Freiburgerin und reißt es mit sich fort. Die von mir vermutete Schlägerei bleibt aus, stattdessen lächelt sie, ignoriert die nun feuchten Pobacken, lächelt, fischt das Fläschle aus dem Bächle und liest weiter.

 

Aus dem Buchlädele gesellen sich die beiden anderen zu uns. „Da ist Jogi Löw“, zischt der Jüngste und denkt, damit einen Knallerwitz gemacht zu haben. Wir gucken unauffällig durch die Achselhöhlen in die angewiesene Richtung. Tatsächlich, Jogi Löw kommt mit einem Freund oder Body Guard die Straße entlang. Wir sind beeindruckt. Mich fasziniert, wie gelassen er aussieht. Tolle Ausstrahlung, ich bin nun ein Fan.

 

Wir staunen auf dem Rückweg zum Auto über die vielen Raderl. Was des Italieners Vespa, ist des Freiburgers Fahrrad. Kurz denke ich an Erwin Rommels Afrikafinte, beim Militärkonvoi die Fahrzeuge immer wieder um dasselbe Häuserviertel fahren zu lassen und analogisiere, das Freiburger Bürgerschmeischterle könne denselben Trick anwenden, um eine fahrradfreundliche Stadt zu simulieren…

 

Auf dem Weg zurück zum Hotel finden wir eine Tankstelle mit Diesel und AdBlue. Staunend sehen wir die Flüssigkeiten in unser Auto und die Euros aus unserem Portemonnaie fließen. Frisch befüllt gelingt es uns leider nicht, einen Parkplatz am Hotel zu finden. Bussardgleich kreist meine Fahrerin die Stellplätze ein und stößt in ein freiwerdendes Lückle hernieder.

 

Im Zimmerle ist es glühend heiß und auch die geöffneten Fenschterl bringen keine Abkühlung. Nach kurzem fernsehen löschen wir das Licht und dämmern ziemlich schnell ein.

 

 

 

Tag 2 - Viva Italia

 

Sieben Uhr, der Hund würgt. Ich springe aus dem Bett, kämpfe das einsetzende Schwindelgefühl nieder und trage das Brecherle ins Bad, bevor der Schwall ausbrechen kann. Geschockt überlegt die Hundedame es sich aber anders, erbricht sich nicht und kehrt zurück zu ihrer Decke. Na gut, Hose an, Hunde anleinen, ich laufe durch das leere Heitersheim. Als ich halb Acht zurück ins Zimmerle komme, sind die Kofferle gepackt. Das Frühstückle a la Carte ist lecker und ich freue mich darauf, die nächste Etappe anzugehen und den schwäbischen Dialekt wieder abzulegen.

 

Schnell machen wir aus unserem Wägele wieder die Druckkapsel, ich höre mir die klugscheißerische Kritik eines Mittouristen an, er hätte seinen Hunde ja wegen der Hitze zuhause gelassen und schon geht sie los die Fahrt. Bald erreichen wir die Schweizer Grenze und damit den Bereich der strikten Tempolimits und hohen Strafen. Wir staunen, wie diszipliniert jeder fährt. Kein Drängeln, kein Rasen, kein Ausbremsen. Der Weg zieht sich hin wie ein Kaugummi bei 38 Grad Celsius unter einer Turnschuhsohle. Wir rasten auf einem wirklich schönen Rastplatz. Ich bin beeindruckt, so kann das also auch aussehen. Das Gebäude ist hell und sauber, die Toiletten findet man durch Hinweisschilder und nicht durch Geruch. Vom Rastplatz führt eine Hängebrücke über einen breiten Bach zu einem sehr gut gepflegten Wanderfahrt. Wir schauen uns alles begeistert an, entschließen uns aber trotzdem zur Weiterfahrt.

 

Einige Stunden später erreichen wir Bella Italia. Die Straßen werden schlechter, die Leitplanken rostiger und die Mautstellen häufiger. Wir freuen uns trotzdem. Der Kaugummi klebt nun auch unter der anderen Schuhsohle und wir erreichen nach endlosen Stunden das Hotel. Vier Sterne, in der Nähe von Autobahn und Eisenbahn. Trotzdem sehr schön und vor allem klimatisiert. Unterwegs bestellte unser Erstgeborener bereits einen Tisch in unserem Lieblingslokal am Gardasee, in Nago.

 

Schnell packen wir aus, springen ins Auto und fahren los. Freundliche Bedienende führen uns zum Tisch, ich muss nicht über mein Bier diskutieren und das Essen wird gebracht. Leckere scharfe Salamipizzen füllen die männlichen Mägen, Salat mit Hühnchen den weiblichen.

 

Im Hotel angekommen falle ich ins Bett und schlafe, die fernsehguckende Mitreisegesellschaft ignorierend, in einen tiefen Schlaf. Angeblich haben die Bediensteten gegen 21:30 Uhr den Flur gesaugt, davon bekomme ich aber nichts mit, die Fernsehgruppe aber schon.

 

 

 

Tag 3 - Die letzte Etappe

 

Halb Acht. Aufstehen, duschen, lustlos kreisen die Zahnbürsten um die Stummel. Mutter und Sohn lassen die Hunde auslaufen, Vater und Sohn suchen einen Tisch im Frühstücksraum. Dort ist es schon sehr voll, nicht nur auf dem Buffet, sondern auch an den Tischen. Wir finden und besetzen den besten Platz und lassen uns es schmecken. Unsere Söhne setzen auf Croissants und Pancakes. Ich sehe letztgenannte und beschließe, es nach meiner durchstandenen Diät mal richtig krachen zu lassen. Ein Fehler, wie mir der in Rekordzeit zurückgelegte Weg zur Zimmertoilette anschließend zeigt.

 

Da wir bis halb Elf unseren Wohnwagen von der Lagerstätte abholen müssen (dort hatten wir ihn im Frühling eingelagert), fahren wir dann bald los. Es ist heiß draußen, fast 36 Grad. Im Auto gaukelt uns die Klimaanlage anderes vor. Da wir Proviant fassen wollen, parken wir vor einem Supermarkt. Die Hitze schlägt uns ins Gesicht und lässt uns in den wohlklimatisierten Laden wanken. Schnell decken wir uns ein und legen die wenigen Meter bis zu Andrea zurück. Vereinbarungsgemäß hat er den Wohnwagen gewaschen. „Hast Du auch den Reifendruck überprüft, wie wir besprochen haben?“, frage ich. „Si, ich habe geguckt und die Reifen sahen okay aus. Den Druck habe ich nicht überprüft!“. Machen wir nun, alles in bester Ordnung.

 

Wir hängen den Trailer an und zuckeln auf die Autobahn. Für Gespanne ist nur 80 km/h erlaubt und so kommen wir nun deutlich langsamer voran. Die Außentemperatur steigt auf 40 Grad an, uns schwant Schreckliches. Die Obermeterologin klärt auf, in der Toskana seien es maximal 33 Grad. Unterwegs sehen wir einen Berg, auf dem ein großer Buddha sitzt. Fata Morgana, nehmen wir an. Nein, es handelt sich um eine Kathedrale, mit einer Kugel auf einem quaderförmigen Unterbau. Auf der Kuppel sitzt ein rundes Wasauchimmer, das von weitem wie des Buddhas Kopf aussieht. Da der Jüngste, wie so oft, notabgeschaltet hat (er schläft), weisen wir den Erstgeborenen auf den Buddha hin. Seine Antwort: „Vielleicht isst der ein Buddha-Brot?“

 

Bald hat die Mautsrecke ein Ende und wir bewegen uns auf der mautfreien Autobahn. Die hat sich in den letzten Jahren nicht zum Besseren geändert und wir bonanzieren gen Toskana. Die Temperatur stürzt tatsächlich auf 36 Grad, ich ängstige mich vor Gefrierbrand. Wie wir da so über die Strecke reiten, zieht sich die Zeit ins Unermessliche. Wir sind müde. Wir sind geschafft. Wir sehnen den Urlaubsort herbei. Den erreichen wir gegen halb vier.

 

Das Tor ist verschlossen, die Haupteinweiserin und der Zweitgeborene steigen aus. An der Rezeption freut sich Elisa, die beiden zu sehen, weiß nach eigener Aussage bereits alles und winkt uns durch. Die nächsten vier Stunden wird alles ein- und hergerichtet. Krass, welch eingespieltes Team wir sind. 20 Uhr springen wir beiden Erwachsenen ins Automobil und fahren einkaufen. Auch hier - knallharte Effizienz. Gut, das Geschäft schließt gleich, was bleibt uns übrig.

 

Zurück am Platze bereiten wir uns ein opulentes Abendmahl zu. Darüber freuen sich auch die Insekten. Zwei besoffene Bienen schwirbeln über unseren Tisch, lassen sich von uns einfangen und wegtragen. Eine kecke Motte hält auf unseren Erstgeborenen zu. Ihr gefällt wohl der Duschponcho, den er trägt. Er kreischt auf (der Sohn, nicht der Poncho, denn das wäre verstörend). Die Motte fliegt ihm in den Halsausschnitt des Kleides, er schreit: „Ahhhhhh“. Es folgt rhythmische Sportgymnastik, wovon ich wegen der Lachtränen in den Augen nicht viel sehe. Dann lüftet er die Vorderseite des mexikanischen Duschgewandes, schreit: „Uuuhhhhh!“, die Motte erscheint am freigelegten Zipfelchen und entschwindet in die Lampe. Nachdem wir wieder Luft bekommen, erkundigen wir uns nach seinem Wohlsein. Unter Ahh- und Uhhh-Gesang auf des Erstgeborenen Einlage beenden wir unseren Rommé-Abend, den ich siegreich bestreiten kann. 

 

 

 

Tag 4 - Ein Schiff wird kommen

 

Entgegen allen Traditionen steht an diesem besonderen, einzigartigen und hochbemerkenswerten Tag unser Jüngster zuerst auf. Träume ich? Nein, es fühlt sich realistisch an. Geschniegelt, gestriegelt, voll bekleidet und mit angeleinten Hunden steht er in der Tür und bricht zum Brötchenholen auf. Vielleicht sollte ich heute Lotto spielen und das Glück herausfordern, denke ich noch so naiv. Aber dann…

 

Wir quälen uns aus den Betten, besuchen die Waschräume, ich genieße die heiße Dusche und freue mich bereits auf den morgendlichen Kaffee. Zurück am Wägele nimmt das Schicksal seinen Lauf. Aus dem Schrank nehme ich meine French Press, um anschließend den im Frühling aus Bayern mitgebrachten Kaffee aufzubrühen. Beim Öffnen der Kanne fällt mir auf, dass diese beim Zurückstellen früher im Jahr nicht ganz sauber und nicht ganz trocken gewesen sein muss. Ein filigranes Schimmelpilzgebilde verschönert nun Glas und Stempel. Na gut, denke ich, blöd gelaufen. Bewaffnet mit Spüli und Scheuerschwamm begebe ich mich zum Abwaschbecken. Ich fissele die komplizierte Apparatur auseinander, schäume die Einzelteile ein und reibe sie porentief sauber.. Meister Proper wären Locken vor Stolz gewachsen, hätte er mein glänzendes Teil gesehen (ich bin nach wie vor am Waschbecken und rede über die French Press).

 

Nun gibt es aber Kaffee, denke ich naiv. Im Wohnwagen öffne ich den Schrank und greife ins Leere. „Hasipupsimäueschnäuzchenlieblingsschatzilein, hast Du den Kaffee aus dem Schrank genommen?“, frage ich meine Wohnwagenfee in dem für mich üblichen freundlichen Ton. „Nee“, antwortet sie geistreich und pointiert. Hastig durchsuchen wir alle Fächer. Kein Kaffee. Auch kein Salz und Pfeffer, weswegen sich Hasipupsimäueschnäuzchenlieblingsschatzileins seelisches Wohlsein auch etwas mit Gewitterwolken eintrübt. „Dann fahren wir eben erst einkaufen“, sagen wir in trotzig-pubertärem Ton unseren pubertierenden Mitreisenden. 

 

Gesagt, getan, schon an der Ausfahrt unseres Campingplatzes hat sich die Temperatur im Wageninneren von heißen 50 Grad auf aushaltbare 40 Grad reduziert. Klimaanlage geht nicht, denn meine Lieblingseinkäuferin hat sich zuvor das Haupthaar gewaschen und wollte das Blondschöpflein beim Frühstück trocknen lassen. Da es aber kein Frühstück gab…

 

Merke: Zehn Uhr scheinen die Kirchen ihr Sonntagsprogramm beendet zu haben und sämtliche Italiener der Toskana sowie die egoistischsten 10.000 Holländer drängen sich in den 10 Quadratmeter großen Coop, um ihre Vorräte aufzufrischen. Wir finden einen schönen sonnigen Parkplatz auf einer zu kleinen Stellfläche. Gott sei Dank kein Schatten, womöglich würden wir bei der Rückkehr Luft im Auto bekommen. Meine Lieblingsdiätrine möchte gern Magerquark kaufen, was sich schon am Vorabend im Supermarkt als große und unlösbare Herausforderung herausstellte. Auch heute ist der Herr nicht barmherzig, wobei der ungläubige Blick der Verkäuferin, als meine Liebste die Frage danach stellte, wirklich ein paar Euro wert gewesen wäre… Quarklos suchen wir Kaffee. Auch nicht so leicht im Land des Kaffees, gibt es doch viele unterschiedliche Sorten als Pads, Caps oder in ganzer Bohne. Nur leider nicht fertig gemahlen. Letzten Endes werden wir doch fündig und entscheiden uns für die güldene Verpackung, scheint diese doch einen Goldbarren zu enthalten, wie der Preis suggeriert. Vor dem Regal mit den Oliven steht ein Einkaufswagen mit leeren Kartons, auf den eine junge Verkäuferin weiteres Verpackungsmaterial stapelt. Ich bücke und verbiege mich, um ins Regal schauen zu können, die italienische Einzelhandelsassitenzkraft versteht jedoch anscheinend meine subtile Botschaft nicht. Als sie sich entfernt, schiebe ich das Kartonmobil vor das gegenüberliegende Regal, nicht wissend, dass ich soeben die Hölle geöffnet habe. Donna di Papp kommt zurückgeschossen, schiebt das Wägchen vor mein Blickfeld und das Olivenregal. „This must stand there!“, kommandiert sie im besten Italoenglisch. Meinen Einwand, ich könne so nichts sehen, wischt sie mit einem „Paperlapapp“ ausdrückenden Blick beiseite. And so the Einkaufswagen must stand there where I cannot see the verdammten Oliven.

 

Auch die Beschaffung von Salz erweist sich als Mammutaufgabe. Es gibt nur umgemahlenes körniges Gut oder jodiertes Zeug. Da wir nichts jodiertes haben wollen, stehen wir vor der Herausforderung herauszufinden, wo gemahlenes Salz herauskommt. Herausfinden können wir es aber nicht, da alles gut eingepackt ist und nichts herauskommt. 105 Euro später tragen wir unsere Einkäufe in unser gut temperiertes Auto und fahren zurück zum Wohnwagen. Die Kinder haben mittlerweile etwas gegessen, das hatten wir aber auch so vereinbart. Schnell räumen wir alle Einkäufe weg. Ich fülle den goldenen Kaffee in die saubere French Press, drücke den Schalter des Wasserkochers, der Erstgeborene setzt Eier auf dem Induktionsherd auf und meine verschmutze Frau möchte sich die Fingerlein waschen. Das geht der Kabeltrommel zu weit und sie schaltet ab. Zack! Die Sicherung lässt sich leider nicht mehr eindrücken und so sitzen wir Kaffee- und stromlos da. Abermals besteigen wir das heiße Automobil und brausen los. Unterwegs fällt uns ein, dass selbst in Italien am Sonntag die Baumärkte geschlossen haben könnten. Leider behalten wir damit recht.. Unterwegs informiert uns der Erstgeborene telefonisch, auf der Rückseite der Kabeltrommel stehe geschrieben, nach einer Stunde könne man die Sicherung wieder reindrücken. Stunden später wissen wir, sie lässt sich nicht mehr reindücken, die Kabeltrommel ist in die ewigen Jagdgründe gezogen. Zurück am Wohnwagen (die Zweite) kochen wir das Wasser direkt am Stromzapfpunkt und frühstücken, während unsere Söhne zur Rezeption radeln, um nach einem Behelfskabel zu fragen. Können wir haben, aber erst 15 Uhr. Es ist aber erst 11.

 

Die folgenden stromlosen Stunden vergehen langsam. Ich erkundige mich bei unserem befreundeten Elektriker, welches Kabel ich besser besorgen sollte, um derartigem Ungemach künftig aus dem Weg zu gehen und recherchiere im Internet die Preise. Donnerwetter, das wird ein kostenintensiver Urlaub. Wir beschließen, nicht zu bestellen, sondern am nächsten Tag beim Campingausstatter in Cecina Ersatz zu beschaffen. 15 Uhr ist dank des campingplatzeigenen Kabels, das zehn Jahre im nassen Lehm gelegen haben muss, der Strom wieder da. Wir ruhen ein wenig, bereiten einen Mittagssnack zu und verspeisen ihn sodann, bevor wir uns auf die Fahrräder setzen und zum Strand rollen. Wir reißen uns die Klamotten von den heißen verschwitzten Leibern und rennen debil grinsend auf das wellenreiche Meer zu. Zu meiner großen Freude hat es meine Badetemperatur (der Siedepunkt ist nicht mehr fern). Während die jungen Herren von Welle zu Welle springen, unterhalten meine Meernichtmehrganzjungfrau und ich uns. Am Horizont materialisiert sich ein Katamaran, der parallel zum Ufer dümpelt. Das weiße gesetzte Segel schlackert im Wind, niemand ist an Bord zu sehen. Das Ding ist erstaunlich groß und erinnert eher an einen fahrenden Bungalow, als an ein Boot. Nun erscheint eine einsame Gestalt an Bord, geht nach hinten, schaut ins Wasser und geht wieder rein. Das wiederholt sich mehrere Male. Unser strandeigener Rettungsschwimmer schnappt sich seine Rettungsjolle und rudert hinüber. Leider ist es zu weit weg, sodass man nur sieht, aber nichts hört. Das Segel wird gerafft. Beide springen ins Wasser. Sie schwimmen um den zweikufigen Bungalow. Nach einer Viertelstunde wird es zu langweilig und wir fahren zurück zum Wohnwagen. Warum Captain Cook  die Unsinkbar 2 nicht in den Griff bekommen hat, wird uns ein ewiges Rätsel bleiben. 

 

Den Abend beschließen wir mit gegrilltem Hühnchen und Champignons. Lecker. Glücklicherweise ist das Gas nicht alle, ein Fakt, der uns nach einem solchen Tag sehr erstaunt. Stadt-Land-Vollpfosten spielend lassen wir den Abend ausklingen, auch wenn des Zockers Glück mir heute nicht hold ist.    

 

 

 

Tag 5 - Und er sprach, es werde Licht

 

Und so stehen wir am 738.873. Tag nach Beginn der Zeitrechnung, also 741.400 Tage nach Jesu Geburt 8:30 Uhr auf, weil im Baum an unserem Wohnwagen eine Holztaube nistet, die ihren frisch geborenen Küken wortreich den Sinn des Lebens lehrt. Gurr Gurr, Gurr Gurr, Gurr Gurr, Gurr Gurr. Kurz sinniere ich über ihre Worte nach, begebe mich aber dann mit meiner putzigen Liebsten in die Menschenreinigungsanstalt. Freie Wahl, alle Bäder sind leer. Wir entscheiden uns für eines, lassen die Zahnbürsten kreisen - jeder seine eigene, in seinem Mund, solange zumindest, bis uns ein eigener Zivi zugewiesen wird oder die Kauleisten in Reinigungsflüssigkeit des Nächtens vom Badezimmerboard grinsen - und hüpfen anschließend behände unter die Dusche. Meine knallharte Liebste dreht dabei das kalte Wasser auf, ich hingegen bevorzuge die linke Seite des Drehreglers. 

 

Die Spritzer sind mit der morgendlichen Routine schneller fertig und wollen frische weiße flauschige Brötchen für das Frühstück holen. Ihnen gelingt dabei das Unmögliche, sie können dunkles Baguette erobern! „Chapeau“, frohlocke ich, als sie uns das gute Stück zeigen! Schnell backen wir noch das Spezialbrötchen für die standhafte Diätmamsel auf und lassen uns das Essen schmecken. Letztgenannte greift dabei auf ihren Lieblingskäse zurück, der mittlerweile anfängt, seinen Namen zu sagen und ein Lied anzustimmen, wenn man seine Packung öffnet. Den sich ausbreitenden Geruch des Todes ignorieren wir drei Männer währenddessen standhaft. Hauptsache es schmeckt…

 

Wir müssen ein neues Kabel beim Campingausstatter kaufen. Da der in Cecina sitzt und bereits 12:30 Uhr für eine ausgedehnte Mittagspause schließt, springen wir in das überhitzte Auto, halten uns gegenseitig mit Backpfeifen vom Hitzetod ab und brausen davon. Im angrenzenden Örtchen ist es sehr voll, weshalb wir uns für eine Alternativroute entscheiden. An uns ziehen viel schöne Landschaft, grüne Alleen und blühende Oleander vorbei. Hin und wieder überholt uns eine keck knatternde Vespa, die ihren halbnackten Reiter schnell zum gewünschten Orte bringt. Die Caballeros und Caballeras fahren in Flipflops, mit kurzen schulter- und armfreien Tops, und einem knackigen Höschen bekleidet, dessen Namen umfangreicher ist, als der verwendete Stoff.  

 

In Cecina angekommen, folgen wir der komplizierten Routenführung durch schmale Gässchen, bewundern die um diese Uhrzeit schon gut besuchten Bistros, freuen uns über den mit 1,57 Euro ausgepriesenen, relativ günstigen Dieselpreis und erreichen schließlich das Caming-El-Dorado. Hier stapeln sich auf rund 500 Quadratmeter alle feuchten Träume eines jeden Wohnmobilisten und Zelters. Die bequemsten Liegen säumen unseren Weg, gemütliche Leichtbausessel laden zum Verweilen ein und lassen die Sitzenden, so sie in die Falle tappen, nicht mehr los. Der Große und ich begeben uns vor das Elektrozubehörregal und staunen über die stromende Artenvielfalt. Alle möglichen Sorten von Steckern treffen auf alle möglichen Arten von Kupplungen. Auch das von uns heiß begehrte Stromkabel steht im Sortiment, glücklicherweise können wir das letzte verfügbare des vom Elektrikerfreund empfohlenen Querschnitts ergattern. Zwei Aperol-Spritz-Plastikgläser (mir ist wohl bewusst, wie irreführend diese Bezeichnung ist, sie lädt mich fast dazu ein, von Pastikgläsern aus Metall zu schreiben - das entspräche aber nicht der Wahrheit) finden auf wundersame Weise ihren Weg in unseren Einkaufskorb, genau wie Ameisenfallen, die es auf Grund der tollen deutschen Gesetzgebung bei uns zuhause nur noch im Baumarkt im abgeschlossenen Regal gibt. 

 

Nach dem Verlust eines weiteren Teils unseres nicht vorhandenen Vermögens begeben wir uns an die Tankstelle und lassen laufen. Ein belgisches Pärchen braust im fetten Mercedes herbei, fährt mich fast beim Einparken um, stellt schließlich ihr Sternchen eine halbe Meile vor der Zapfsäule ab. Ein polobeshirter Herr im gediegenen Alter steigt aus, fingert seine Kreditkarte aus der Tasche und lässt sie in den Schlitz des Selbsbedienungsautomaten gleiten. Ich kann all dies beobachten, weil der Output unserer Tanksäule nur in unser Auto tropft, fast fühlt es sich an, als wäre ein Knick im Schlauch. Die Beifahrertür unseres Fahrzeugs geht auf und das blonde Schopflein meiner überhitzten Reisebegleiterin erscheint. „Hast Du einen größeren Tank eingebaut?“, frotzelt sie mich. Ich erkläre ihr die Tropfgeschwindigkeit des Dieselspenders, die in Verbindung mit einem fast leeren 70-Liter-Tank dem Bediener viel Zeit zum Runterkommen ermöglicht. Und das ist sogar alles schon im Kraftstoffpreis enthalten. Des Pommesländers Kreditkarte scheint unterdes nicht kompatibel mit der espressoländlichen Pompa. Der Sugardaddy umkreist seine Sänfte, erklärt dem mitgeführten Weibchen das Problem, um sodann in die Karosse einzusteigen und mit dem Elektromotor davonzubrausen. Fragezeichen auf meiner Stirn! Vielleicht handelt es sich aber auch um ein Hybridfahrzeug…

 

Die Chefmeterologin recherchierte während meiner Meditationsbetankung, ab kommender Woche wird die Temperatur auf 24 Grad fallen. Das sind 12 Grad weniger als diese Woche, überlege ich. Wenn wir jetzt einkaufen gehen, muss ich dringend ein Enteisungsspray für die Frontscheibe und Frostschutz für Kühler und Scheibenwaschanlage kaufen. Nicht, dass die Gefäße und Leitungen platzen! Kurze Notiz ins Handy: Schwiegermutter Bescheid sagen, sie muss die Winterräder im Flieger mitführen.     

 

Wir kommen im uns wohnbekannten Einkaufstempel in Cecina an. Der Jüngste kauft sich wirklich schöne Dekoartikel für seine neue Jugendzimmereinrichtung, wir einen Staubsauger und eine Leselampe für den Wohnwagen und dann noch einige Artikel, die wir für den täglichen Gebrauch benötigen. Hastig gekaufte Kaltgetränke zischen unsere Kehlen hinunter bringen den Lebenswillen zurück. Abschließend steht noch der Besuch des Supermerkatos an. Es gibt spezielle Einkaufswagen, in denen man die Hunde mitnehmen kann. Da aber der Rüde den Einstieg vehement mit allen vier Pfoten und schlangenähnlichen Bewegungen verweigert, bieten unsere Söhne an, mit den Tieren im Schatten zu warten. Obst und Gemüse finden über die Waage ihren Weg in unseren Korb. An uns zieht eine Zwanzigjährige vorbei, die mit einem knappen Bikini bekleidet ist. Komisch, denken wir, der nächste Strand ist doch über 10 km entfernt. Stolz trägt sie ihre Pfirsiche an den Pfirsichen vorbei, ein Mikrokinihöschen (ich kannte diesen Begriff bis vor wenigen Sekunden auch nicht) rahmt ihre prallen Backen ein und ihr Bauchnabel guckt neugierig in die Runde. 

 

Als wir vor dem Kühlregal stehen, gesellt sich der Erstgeborene zu uns. Auf meine Frage, ob es dem jüngeren Bruder recht sei, dass er nun alleine draußen wartet, antwortet er: „Klar, er hat gesagt, ich kann gern mit reingehen!“. Wir übertragen ihm Beschaffungsaufgaben, die er mit Bravour meistert. Die Einkaufsmeisterin kommt freudestrahlend mit einem tiefgefrorenen Paket der hässlichsten Garnelen auf mich zu, die ich je gesehen habe. „Können wir die heute Abend grillen?“, fragt sie mich. „Klar, wenn ich die nicht essen muss!“, antworte ich ihr mit aller Toleranz, die ich aufbringen kann. Mir stellt sich die Frage, welcher kranke Geist jemals auf die Idee kam, diese abartig aussehenden Viecher zu essen. Das einzig denkbare Szenario: Ein junges Urmenschenpärchen bummelt am Meer entlang. Stolz zeigt er ihr den Walrosshaarreifen, den er ihr geschnitzt hat. Sie schaut ihn dankbar an, ihre Gedanken sind aber in der heimatlichen Höhle. Hatte sie Kurt das Mammut gefüttert? Würde die Nachbarin dafür sorgen, dass das Feuer auf dem Herd nicht erlischt? Hatte sie die Höhle verschlossen? Nicht, dass ihre kostbare Höhlenmalerei gestohlen wird. Mit ihren frisch gefeilten Zähnen lächelt sie den Liebsten an. Im Augenwinkel sieht sie etwas durch das Wasser huschen. „Igitt, Bammbamm, brüllt Sie“, als sie sich das Wesen näher ansieht. Mit ihren 5 Paar Schwimmbeinen versucht die Garnele der Urfrau zu entkommen. Auch sie ekelt sich, hat sie doch noch nie so etwas Haariges gesehen. Ihre zwei langen Antennen und ihre zwei Antennulen tasten nervös hin und her, als sie versucht, sich zu orientieren. Vor lauter Schreck fällt ihr die Nahrung aus den Maxillen und Mandibeln. Die Dame hingegen kann vor lauter Ekel nicht aufhören zu schreien. „Mach das weg, Bammbamm“ brüllt sie panisch ihrem Begleiter zu. Der junge Galan weiß nicht wie, möchte aber seiner Liebsten gefallen, hebt das Ding auf und stopft es sich in den Mund. Später wird er diesen Trick professionalisieren, sich mit Entenkot die Haare nach oben frisieren und gemeinsam mit seinem Bruder als die Ehernicht-Brothers auftreten. Den Trick führen sie später auch mit anderen hässlichen Arten auf, verloren an Beliebtheit, als sie diese magische Verschwindenübung mit einem Rhinozeros aufführten - es dauerte einfach zu lange und einige der Zuschauer verschieden während des Auftritts - und kamen schließlich auf tragische Weise ums Leben, als sie meinten, auch mit einem Krokodil zaubern zu können. Das Krokodil hingegen trat danach noch viele Jahre unter dem Künstlernamen Davids Kopffehlt mit dem neu erlernten Trick auf, Menschen verschwinden lassen zu können. So jedenfalls und nicht anders muss die Menschheit auf die Idee gekommen sein, man könne die ekligen Krabbelviecher essen!

 

Zurück im Supermarkt. Schnell füllt sich der Einkaufswagen und leert sich die Geldbörse. Andersherum wäre es mir lieber. Wir zahlen und fahren mit dem Einkaufswagen auf der Rollschräge nach unten aufs Parkdeck. Der ältere Bruder holt den jüngeren ab, beide nehmen zusammen mit den Hunden den Gehweg. Divenhaft und mit verzogenem Gesicht betritt der Jüngste die Bühne. Ich erschrecke und überlege, ihm einen Snickers ins Gesicht zu werfen. Vielleicht hat er ja Hunger. Weit gefehlt! Sein ignoranter Bruder sagte nämlich, bevor er zu uns in den Markt kam, er würde mal kurz nachschauen, wie weit wir sind, kam dann aber nie zurück.

 

Zeitsprung: Wir sind zurück auf der Parzelle, die Vorräte sind verstaut und wir genießen das aus dem Supermarkt mitgebrachte Brathähnchen. 11,70 Euro für zwei komplette zubereitete Tiere. Da schmeckt es gleich nochmal so gut. Anschließend ziehe ich mich mit der Liege in den Schatten zurück, begleitet von meiner Liebsten. Sie setzt sich neben mich und liest. Wach werde ich, als eine Terrorfliege immer wieder auf meinem Körper landet. Mücken haben mich nicht gestochen. Anders aber bei dem mir beisitzenden menschlichen Mückenköder. Es schien sich im Mückenvolk des Campingplatzes herumgesprochen zu haben, dass an Parzelle 14 gerade ein Festmahl gereicht wird. Zu erkennen ist es an der Brille und dem Kindl (das elektronische Buch, kein Bier) in der Hand. Ich bin nun also wach und schlage der rotgefleckten Dame neben mir vor, die Einrichtung zu besuchen und anschließend baden zu gehen. Gesagt getan. Wir satteln nach dem Pinkeln die Fahrräder und begeben uns zum Strand. Meine Liebste kratzt sich die Nägel runter, ihre Laune ist angesichts der masernähnlichen Hautbeschaffenheit im Keller. Ich beschließe, sie nicht „meine kleine Zuckerschecke“ zu nennen und strebe lieber stumm gen Wasser. Eine halbe Stunde später steigen wir aus den Fluten. Das Salz hat das Jucken unterdrückt, die Flecken laufen aber immer noch vor mir in Richtung der Fahrräder. 

 

Nach dem Duschen schmeiße ich den Grill an und bereite das eklige Grillgut für Mutti und Zweitgeborenen zu. Auch als sie gar sind, sehen sie kein bisschen leckerer aus. Ich beschließe, ein Foto davon in meinen WhatsApp-Status zu stellen und erhalte ein promptes Like von einem ehemaligen Kollegen und jetzigem Freund, der mich mal als komisch bezeichnete, weil ich keine Schnecken essen wollte. Naja, ist ja keine Überraschung, denke ich. Die beiden Garnelenzauberer vernichten das Grillgut. „Kopfabdrehen, Panzer knacken, Darm rausnehmen und essen“, lautet die von meiner Liebsten kungetane Bedienungsanleitung. Ich erkundige mich, ob die Köpfe Links-oder Rechtsgewinde haben, was den Ekel meines Erstgeborenen noch so richtig anheizt. Angewidert-fasziniert beobachten wir die Wassertiermagier beim Verzehr. Einzig, als sie anfangen, über die Därme zu sprechen und uns diese auch noch zeigen, wird es zuviel.

 

Alle satt, Spiele raus. Wir bringen Stadt-Land-Vollpfosten vom Vortag zu Ende und widmen uns danach zwei Runden Mini-Rummy, dem Lieblingsspiel unserer Zockerpatin. Diesmal bin ich weniger erfolgreich und bin froh, Lesen- und Schlafengehen zu können…    

 

 

 

Tag 6 - Die Kunst des Blubberns

 

Senile Bettflucht, es ist halb neun und ich möchte aufstehen. Das ist neu und ängstigt mich… Naja, eigentlich nicht. Ich freue mich einfach nur auf das Frühstück. Nach dem obligatorischen Gang in die Räumlichkeiten finde ich einer verwaiste Parzelle vor. Die Jungspunte lassen die Bürsten kreisen, meine liebste Frühstücksbeschafferin möchte ihre große Liebe (mich) glücklich machen und besorgt im campingplatzeigenen Bioladen dunkles (!) Brot. 

 

Dank unseres neuen italienischen Kabels bekommen wir Strom ohne Ende. Der Wasserkocher kann arbeiten, ohne dass der Kühlschrank ausschaltet. Ein völlig neues Lebensgefühl. Und so entsteht bereits wenige Minuten nach Eintreffen der Brotkönigin ein leckeres Frühstück mit frischem Kaffee. Sogar die Temperaturen sind aushaltbar, die Sonne hat das Thermostat einige Grad untergeregelt. 

 

Gerade als ich denke, der Tag könnte perfekter nicht sein, entschwindet unsere gute Fee zusammen mit dem Erstgeborenen ans Abwaschbecken. Sie hat heute Nacht Energie getankt (ich muss das neue Kabel mal auf Strahlungslecks untersuchen), wirbelt anschließend noch im Wohnwagen rum, staubt die Schränke ab, putzt die sanitären Einrichtungen blitzblank - glücklicherweise nur unsere eigenen, nicht die des Campingplatzes - und saugt zum Abschluss mit unserem neu erworbenen 19-Euro-Staubsauger den Fußboden. This must be Heaven! Und als ob das nicht alles schon verrückt genug ist, fordert sie mich zum Müßiggang auf! Ich nutze die Zeit, um im Internet nach Sänften zu suchen, die von drei Personen getragen werden können. Man muss ja schließlich die Gunst der Stunde nutzen, wenn sie sich bietet…

 

Mein liebes Putzteufelchen ist ziemlich schnell fertig, im doppelten Sinne. Der Schweiß fließt in Strömen. Ich biete ihr an, meine Pause zu unterbrechen und sie mit dem Schlauch abzuspritzen. Das könnte der Punkt gewesen sein, an dem ich mich von einer Sänftenträgerin geistig verabschieden muss. Naja, die Kinder sind ja nun auch schon alt genug und sollten das auch alleine schaffen. Ich habe sie ja schließlich auch viele Jahre rumgetragen und rumgefahren. 

 

Als mein Liebchen wieder getrocknet ist, puste ich ihr das kondensierte Salz von der Haut und wir bummeln durch die Sonne zur Rezeption. Traditionell gibt es an Müßiggangtagen wie diesem um die Mittagszeit einen Cappuccino. Für mich zumindest, sie mag keinen Kaffee und sieht mir deshalb beim Trinken nur zu.  Ach, was kann das Leben schön sein. Wir sitzen unter den großen schilfgedeckten Schirmen, eine Brise weht uns über die Haut, wir beobachten die ein- und ausgehenden Campingurlauber (sind nicht viele, da der Platz zwar sehr weitläufig ist, die Parzellen sind aber sehr großzügig ausgelegt) und erfreuen uns an den Italienern, die auf der kleinen Straße vor dem Bistro an den nahegelegenen Strand huschen. Bevor wir den Rückweg antreten, kaufen wir Tomaten, Paprika, Pfirsiche und Pflaumen, die aus eigener Produktion stammen.

 

Es folgt die Mittagsroutine - Obst und Gemüse aufschneiden, Mozzarella mit Tomate und frisch vom Biofeld des Campingplatzes gepflücktem Basilikum belegen, Pflopp, Bier auf, essen, trinken, kurzer Mittagsschlaf. Herrlich! Währenddessen entsteht in meinem Umfeld eine neue Elite…

 

Seit einiger Zeit wollen wir eine Webseite für meine Texte erstellen. Angefangen hat meine liebste Nerdin schon, nur zu Ende haben wir es aus Zeitmangel und auf Grund einer technischen Herausforderung nicht gebracht. Der Erstgeborene nimmt sich des Problems an und bringt die Plattform zum Laufen. Da er schonmal dabei ist, erstellt er gleich noch Menüs und Untermenüs, nach und nach nimmt die Seite Gestalt an. „Gern würde ich noch ein Logo haben“, äußere ich meinen Wunsch. Zuerst versuche ich es mit KI, aber Claudes Ideen gefallen mir nicht so richtig. Der Zweitgeborene schnappt sich sein Handy (wir wissen zu dem Zeitpunkt nicht warum), zwei Stunden später steht ein Entwurf, der uns aus den Latschen wirft. Dem kleinen Ästheten ist es aber noch nicht perfekt genug und er optimiert die nächsten Stunden immer weiter. 

 

Leider vergessen meine zwei Profis aber über die Arbeit die Zeit. Sie sollten uns 17:20 Uhr Bescheid sagen, da sie am Vortag für uns zu 17:30 Uhr einen Whirlpool reservierten. 17:25 Uhr: Ich werde wach, schaue auf die Uhr und bekomme einen Schreck. Puls hoch. 17:27 Uhr: Alle sind bereit und umgezogen, neue Rekordzeit, soviel gibt es allerdings bei diesen Temperaturen auch nicht umzuziehen. 17:30 Uhr: Wir stehen vor den Whirlies. 17:33 Uhr, wir sitzen im für uns reservierten Planschbecken. 17:40 Uhr: Mein Puls erreicht endlich wieder zweistellige Werte. Von den vier Becken werden lediglich drei genutzt. Hinten in der Ecke sind zwei spärlich bekleidete junge Damen mit einem gleichaltrigen oder unwesentlich älteren Gigolo. Wie der Pate sitzt er in einer Ecke, die Arme links und rechts auf den Rand gelegt. Seine schwarzen Haare sind zurückgegelt, sein Lieblingswort ist sicherlich „Gym“, er trägt Tatoos auf den Armen und im Nacken zwei von der Schulter kommende und in den Haaransatz laufende chinesische Schriftzüge. Die eine seiner Begleiterinnen hat rötliche gelockte Haare und ein nicht ganz so anschauliches Gesicht. Sie ist aber vom Gegenteil überzeugt. Ihr Bikinioberteil besteht anscheinend aus extrem reißfestem Material, drückt es doch die gesamte Last unnatürlich weit gen Kinn nach oben. Am Höschen sparten die Designer an Stoff, weshalb uns ihre beiden Backen beim Verlassen des Pools fast anspringen. Ihre Freundin oder Widersacherin oder wie immer die beiden zueinander stehen, lässt den Stoff im oberen Teil der Baderobe zwar auch pushen, jedoch nicht ganz so extrem. Ihrem recht hübschen Gesicht nach zu urteilen, ist sie irgendwas zwischen frühreifen 14 und pubertären 16. Einzig die Beißerchen lassen auf jüngere Jahre schließen. Untenrum trägt sie die andere Hälfte des Stoffes, der bei ihrer Freundin eingespart wurde. Beim Herausschweben aus dem Wasser drückt sie ihren Hintern versucht elegant nach hinten und schaut dabei keck über die Schulter auf den jungen Galan. Assoziationen mit balzenden Tauben kommen mir in den Sinn. Nun steigt auch der Pate aus dem Wasser. Zeit für eine Zigarettenpause. Alle drei stecken sich eine an und versuchen dabei besonders attraktiv auszusehen. Wahnsinn!

 

Im anderen Pool liegt ein rothaariger Mann mit seiner rothaarigen kleinen Tochter. Er brauchte definitiv keinen Gentest, um die Vaterschaft im Zweifelsfalle festzustellen, die Ähnlichkeit ist frappierend. Während sie hin und her hummelt, verändert er seine Position überhaupt nicht. Im Gegenteil Eine Taube kommt hereingeflogen, will aus einem menschenleeren Pool trinken, scheitert aber am zu niedrigen Wasserpegel. Sie dreht sich um, hüpft zum Rothaar-Pool und nimmt ein Schlückchen des himmelblauen Wassers. Die Badegäste liegen so still, sie hat nicht mal Angst vor ihnen.

 

Unser Pool blubbert fröhlich vor sich hin. Und animiert nicht nur die Muskulatur, sondern leider auch die Verdauung. Mein Darm: „Coole Idee mit dem Blubbern! Kann ich auch mal versuchen!“ Ich: „Bitte nicht!“ Er grinst und lässt trotzig einen Versuchsballon steigen. Ach, denke ich, hier ist soviel Bewegung im Wasser, wird schon keiner merken. Falumm! Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Betrachtung:

 

  1. Luft steigt im Wasser immer nach oben.
  2. Man sollte den Impulsgeber beim Impulsgeben anheben. Sowohl Vibrationen, als auch Geräusche überragen sich über den Kunststoffpool.
  3. Die Sensoren meines Erstgeborenen sind sehr fein eingestellt. Er grinst mich an und teilt den anderen anwesenden und definitiv nicht interessierten Wissenschaftslaien mit, dass ich soeben eine Versuchsreihe aufbaute. 
  4. Kinder sind von Wissenschaft begeistert und immer daran interessiert, das soeben Erlernte sofort anzuwenden.
  5. Frauen lehnen wissenschaftliche Experimente und gelebte Physik ab und wissen nicht den Wert der Ergebnisse zu schätzen.

 

Als wieder Ruhe im Pool einkehrt, blubbert nur noch das Gerät. Also das eingebaute, nicht meines. Entspannung in Rücken und Geist macht sich breit. Unsere Söhne haben es aber nicht so mit dem Sitzen, ändern stetig die Positionen und sind nur schwer von einer fatalen Wasserschlacht abzuhalten. Der Familienrat beschließt einen Positionswechsel. Drei, zwei, eins, jeder begibt sich zu anderen Düsen. Ich lehne mich an und ramme mir zwei in den Rücken. Schön, wenn der Schmerz nachlässt. Die hungrigste aller Whirlerinnen kommt auf die Idee, wir könnten doch im Anschluss in Castegneto Carducci essen gehen. Mit wehender Badehose entschwindet unser Erstgeborener und bestellt telefonisch einen passenden Tisch.

 

Nun wird es hektisch. Zuerst verlassen die Rothaarigen das Badeparadies, dann wir. Als wir aus der Dusche kommen, fahren die drei Balzer an uns vorbei, die Glathaarige sitzt auf dem Gepäckträger des Gigolos, ihr String sieht aus, wie ein Spanngummi, mit dem sie auf dem Metallgerüst verzurrt wurde.  

 

Der Tisch wird ab halb Acht bereitstehen, wir sind spät dran. Deshalb teilen wir uns auf, meine Liebste und der Ältere enteilen bei einem kurzen Zwischenstopp, um die Plätze zu sichern, der Jüngste und ich wollen die Karosse parken. Genau wie die anderen drei Trilliarden ankommenden Nachtschwärmer. Der sich auf einem Berg befindliche historische Ort ist eine einzige Fußgängerzone. Man parkt zentral auf einem großen Platz. So die Theorie. Leider liegt dieser Platz in einer Senke, ca. 50m unterhalb der Straße. Dorthin führt nur ein einspuriger Weg und man sieht nicht, ob vom jeweils anderen Ende jemand einfährt. Meistens klappt die Durchfahrt. Dieses Mal leider anscheinend nicht. Wir stehen 10 Minuten an und kommen nicht weiter. Ich schicke meinen kleinen Aufklärer los, um die Lage zu sondieren. Er kommt wieder und weiß zu berichten, jemand sei zu ungeschickt, die Parklücke zu treffen und blockiert das gesamte System. 

 

Irgendwann sind wir das Auto los und begeben uns zu den anderen beiden. Zu unserer Freude stehen unsere Getränke bereit, beide sehen sich dabei ziemlich ähnlich. Der Eistee meines Sohnes sieht aus, wie ein Eistee so aussieht. Mein Bier hingegen hat über die Zeit den Schaum verloren und passt sich Cameleon-gleich dem Aussehen des Eistees an. Wir bestellen drei Pizzen für die Herren und ein Filet mit gebratenem Gemüse für die Dame. Nach und nach wechseln auch die Gäste an den Nachbartischen, werden bedient und essen. Nur uns hungern sie aus. Kurz, bevor wir nachfragen wollen, etwa 45 Minuten nach dem Bestellen, bekommen auch wir die ersehnte Heißspeise. Die Pizzen sind groß wie Wagenräder und selbst unser erstgeborener Nahrungsmittelmassenvertilger schafft es nicht, aufzuessen. Er kämpft, er schnauft, er stopft, er schwitzt, er trinkt und versucht mittels Kohlensäurerülpsen Platz zu schaffen, verliert aber am Ende den Kampf. Zwei halbe Pizzen begleiten uns also im Karton nach Hause. Den abschließenden Verdauungsspaziergang genießen wir sehr. Ein traumhafter Ausblick über die Lichter der angrenzenden Dörfer und Städte. Die Stimmung ist ausgelassen, die Italiener scherzen und essen und genießen einfach das Leben.

 

 

 

Tag 7 - Kaufrausch

 

Unsere Söhne benötigen dringend neue Bekleidung und Turnschuhe für den Sportunterricht. Wir beschließen, all das traditionell im Outletcenter zu kaufen. Beschlossen, gesagt, getan. Gegen 10:30 Uhr finden wir uns alle im Auto wieder. Die Temperatur ist aushaltbar, der Himmel bewölkt und der Wetterbericht sagt Regen voraus. Die Fahrtzeit wird mit 2:07 Stunden prognostiziert, eigentlich zuviel des Guten. Wir beschließen, kurz vor dem Stauende abzufahren und das Einkaufsparadies über Nebenstraßen anzufahren. Das gelingt uns auch ganz gut, nur wussten wir nicht, alle dorthin führenden Straßen haben rigorose Tempolimits. 30 km/h - für uns ein Muss, für den Italiener anscheinend nur ein Anhaltswert. Viele Autopistolleros sitzen mir auf der Stoßstange und versuchen mich mit Lichthupe für das Schnellerfahren zu begeistern. Ich behalte meine deutsche Sturheit und halte lieber rechts an, um die Rennfahrer vorbeizulassen. 

 

Als wir endlich ankommen, ist die Frontscheibe vom Regen saubergewaschen und die Sonne hat den Kampf gegen die Wolken gewonnen. Es ist zwar noch etwas bewölkt, die Temperatur ist mit 28 Grad jedoch äußerst angenehm. Meine drei Mitkaufenden entschwinden als erstes bei Nike. Die zwei haarigen Freunde und ich bleiben draußen. Interessiert beobachte ich, wie mein Puls auf 57 zurückgeht - so einfach ist das alles. 

 

Die Position auf der Bank vor dem Geschäft ermöglicht mir wirklich interessante Studien. Ein älteres Ehepaar kommt vorbei. Sie ist ganz nett gekleidet, keine Spur von beige. Er trägt ein komplettes Outfit der LA Lakers, so als ob er gerade ein Spiel absolvierte. Seine Figur ähnelt jedoch eher der des Balls, als der eines Basketballers. Auch der Gang ist eher schleppend als federnd-dynamisch. Ich zeige mich tolerant, schließlich kann man auch mit Siebzig so noch gehen. Es folgt Donatella Beknatsche. Ihr Arzt dachte sich bei der Lippenmodelage: Mehr ist mehr und ließ dem Botox freien Lauf. Sollte es zu einer Überschwemmung kommen, könnte ich mich an ihr festhalten. Ich bin sicher, ihr Mund schwimmt wie ein Schwimmreifen an der Wasseroberfläche.  Ich beschließe mich zu informieren, ob Silikon oben schwimmt, denn so könnte ich meinen Nacken zwischen ihren Brüsten platzieren, schlafen und liefe dabei nicht Gefahr, zu ertrinken. Wenig später flaniert ein weiterer Rentner im weißen Nike-Outfit vorbei. Fraglich, ob in diesem Sportdress jemals Sport gemacht wurde. Ein adipöses asiatisches Mädchen auf der Bank neben mir, stößt fremdländische Laute aus und versucht ihre Mutter auf eine bekopftuchte Dame aufmerksam zu machen, die soeben über die Absperrung auf eine grüne Wiese kletterte, um dort gen Mekka zu beten. Ihr Mann steht derweil davor und starrt ins Handy. Die Tante der kleinen Dicken erscheint und erklärt, sie habe Rückenschmerzen. Jedenfalls schließe ich das aus den Bewegungen und dem theatralischen Gesicht. Die Mutter des essfreudigen Kindes scheint eine Thaimassagepraxis zu haben, denn sie trommelt der Rückenproblemistin nun mit ihren Fäusten auf der Rückseite herum, während die Letztgenannte ein Telefonat führt. Warum sollte man auch Zeit verschwenden.

 

Als meine Familie wieder versammelt ist, gehen wir in die Salatbar und bestellen. Die Zubereiterinnen sind allesamt tierisch genervt und nicht unbedingt freundlich. Meine Frage, ob es denn auch stilles Wasser gäbe, wird fachgerecht mit nach oben gerollten Augen beantwortet. Gurken sind aus, müssen wir eben was anderes nehmen. Während der Zubereitung unserer Salate, wendet die junge Dame sich von uns ab und bedient einfach die nächsten, während wir von ihrer Kollegin bedient werden. Das Tempo, mit dem die Zutaten in die Schüsseln geklatscht werden, erinnert eher an die Fettklappe in der Schule, als an einen Imbiss. Die Freundlichkeit übrigens auch. Ich revanchiere mich beim Trinkgeld.

 

Danach geht es weiter. In einem Geschäft, das den männlichen Vornamen eines Getränks hat und dessen Nachnamen sich auf Hoss reimt, möchte ich gern den Sommerschlussverkauf nutzen und mir einen Anzug kaufen. Bisher trug ich immer eine 52, durch das Abnehmen griff ich aber zur 50. Eigentlich passt der ganz gut, stimmen meine Liebste und ich überein. Der italienische Verkäufer verdreht jedoch die Augen, kommt auf uns zugestürmt und berät uns fachgerecht: „No, too big!“ Er bringt uns ein Modell Slim (wer hätte gedacht, dass ich da mal wieder reinpasse) und besteht darauf, ich solle noch eine Nummer kleiner nehmen. „Naja“, sagt er auf Englisch-Italienisch, „in Italien wäre das zu groß, man trägt noch eine Nummer kleiner.“ Ich probiere auch diese Größe an, fühle mich aber zu presswurstig. Außerdem weiß ich auch nicht, wie meine Expansionsfläche künftig auf Essen reagiert. 

 

Einen Anzug später verlassen wir glücklich das Geschäft. Unser Großer kauft sich eine preisgesenkte hervorragende Jacke und einen hervorragenden Helm in Vorbereitung auf seine Motorradfahrschule. Außerdem erstehen wir Turnschuhe für den Sportunterricht, ein paar T-Shirts, Jeans und so weiter und so fort. Es fängt an zu regnen, wir gehen zu Salomon. Dort kaufe ich mir ein paar neue Wanderstiefel. Die hatte ich dort bereits vor drei Jahren erworben, nun gingen sie leider kaputt. Normalerweise kosten die über 180 Euro, ich bekomme sie für 90. Es gießt wie aus Kübeln, wir wollen aber noch zu Adidas, bevor die Geschäfte schließen. Also rennen wir durch den Regen und das knöcheltiefe Pfützenwasser. Als wir ankommen, sind wir platschnass. Die Klimaanlage brüllt auf uns hernieder, unser großer Sohn erwirbt ein Basecap und zieht sich die wasserdichte Motorradjacke an. Er will zum Auto gehen und unsere Regenjacken holen. Als er losgeht reißen die Papiertaschen und unsere Einkäufe ergießen sich auf den Boden. Mist. Wir verteilen um, der Erstgeborene geht los. Unterwegs werden auch noch die anderen Taschen reißen, sodass er mit Armen voll erstandenem Gut im Auto ankommen wird. Unterdessen warte ich auf die anderen beiden. Ein paar Schuhe stehen im Regal. Sollten mal fast 80 Euro kosten, jetzt um die 40. Ich probiere sie an. Eigentlich brauche ich sie nicht. Meine Frage, ob die dort angegebenen 30 % noch abgezogen werden, beantwortet der Verkäufer positiv. „You can also buy any bag and will get another 20% discount“, gießt er Öl in mein Kaufrauschfeuer. Die günstigste Tasche kostet 3 Euro, die Rechnung ist schnell gemacht. Und so habe ich ein paar schöne neue Adidas-Schuhe für Mitte-Zwanzig-Euro…

 

Als wir im Auto ankommen, ist es bereits 20:15 Uhr. Weil wir zuhause nicht mehr kochen wollen, steuern wir ein Lokal an. Es hat hervorragende Kritiken, jedoch den Charme einer Kantine. Im Inneren befinden sich um die 60 Italiener, die ein Stimmengewirr von 40.000 Menschen erzeugen. Es ist gemütlich, das Essen schmeckt hervorragend und die Rechnung ist auch okay. In meinen WhatsApp-Status stelle ich ein Bild der Schränke mit dem Parma-Schinken. Eine gute Freundin veranlasst es, mir zu schreiben: „Oh, auch was für die Wuffis.“ Ich freue mich, mit reichen Leuten befreundet zu sein und beschließe, mich nächstes Mal von ihr zum Essen einladen zu lassen, wenn sie sowas an die Hunde verfüttern will…

 

Meine treusorgende Ehefrau sorgt sich um mein Wohl. Sie drängelt mir ein Bier auf (vielleicht nicht ganz die realistische Darstellung) und übernimmt die Fahrt zurück. Auch sie wird von den Italienern genötigt, ist aber gelassener als ich. Spät in der Nacht erreichen wir schließlich den Campingplatz, unsere Söhne öffnen mit einem Trick das Tor (ab 23 Uhr verschlossen) und der Tag endet zufrieden und glücklich… 

 

 

 

Tag 8 - Donnerwetter, ein Donnerwetter!

 

Da wir des Nächtens des Vortages lange lasen, benötigen wir heute etwas länger, um die Augen aufzubekommen. Entsprechend spät starten wir den Tag. Draußen ist es angenehm kühl, das Frühstück schmeckt. 

 

Gut gesättigt begebe ich mich zum Abwasch, der Rest der Familie fährt zum Coop, Vorräte auffüllen. Als wir uns eine Stunde später wieder treffen, ist der Kofferraum des Autos gefüllt und ich präsentiere zufrieden die geleerten Abwasser- und Grauwasserkassetten. Platz für Nachschub.

 

Ein richtiges Tagesprogramm gibt es nicht, wir sitzen im Vorzeit und lauschen dem Tuckern der Rasentraktoren und dem Kreischen der Freischneider. Heute schein Parkpflege auf dem Campingplatz angesagt zu sein - Ruhe jedenfalls werden wir nicht finden. Mittags stärken wir uns mit Obst aus dem angegliederten Bioladen und Gemüse aus dem Supermarkt. Lecker, schmeckt alles viel intensiver. Danach gehe ich mit der holden Maid einen Cappuccino trinken. Sie nimmt sich ihren eigenen Tee mit, da Kaffee nicht so ganz ihren Geschmack trifft. Ruhig unterhaltend sitzen wir unter dem Baldachin und lassen das Leben Leben sein.

 

Zurück an der Parzelle schlägt die liebe Ehefrau ein Nickerchen für mich vor. Tolle Idee. Das Rasentraktorgeräusch kann ich sicher ausblenden. Die Liege stelle ich auf den Rasen vor der Parzelle, nur um sie 10 Minuten später wieder zurückzustellen. Der Traktorist steuert nämlich um die Ecke genau auf unsere Rasenfläche zu. Die nächste halbe Stunde beobachten wir ihn, wie er immer wieder an uns vorbei fährt. An Schlaf ist nun nicht mehr zu denken, unterhalten können wir uns nur, wenn er weit genug weg ist.

 

Was soll’s, gehen wir eben an den Strand. Auf der Hälfte des Weges hören wir allerdings schon das Meer rauschen - das ist eher ungewöhnlich. Und siehe da, der Strand ist menschenleer, eigentlich gibt es auch kaum noch einen Stand. Das Wasser drückt gute 30 Meter ins Landesinnere, die Gischt schäumt, die Wellen brechen und die Unterströmung zieht alles mit sich ins Meer. Wir beschließen, heute mal einen Strandspaziergang zu unternehmen. Wenn niemand im Wasser ist, sollten wir nicht die ersten sein. Andere wissen es besser… Und so wandern wir gen Norden. Schön ist es, fast niemandem begegnen wir. Die Rettungsschwimmerpatrouille zieht mit ihrem coolen Strandbuggy alle Rettungstürme nach hinten, ein paar Besucher lassen sich die Beine umspülen. Eine steife Brise weht landeinwärts und bringt angenehme Luft mit sich. Im Hintergrund ziehen dunkelblaue Wolken auf. Oh oh, gar nicht gut… Blitze zucken vom Firmament ins Wasser, glücklicherweise aber noch auf den weit entfernten Inseln. Wir sind gute drei Kilometer gelaufen, die müssen wir nun auch zurück, schließlich haben wir dort unsere Drahtesel angebunden. Wir verfallen in einen leichten Laufschritt. Viele Monate der sportlichen Untätigkeit rächen sich. Bei uns Alten rasseln die Lungen. Trotzdem nehmen wir die Herausforderung unserer Söhne an und geben uns mit ihnen ein Sprintduell. Leider verlieren wir es beide, die Scham sitzt tief.

 

Zu den Blitzen gesellt sich ein Donnergrollen. Wir beschleunigen weiter. Ob der wahnwitzigen Geschwindigkeit flattert unsere Strandbekleidung hinter uns her. Es könnte möglicherweise auch am Wind liegen, tut es aber bestimmt nicht. Gerade noch rechtzeitig erreichen wir unsere Räder. Ein leichter Regen setzt ein. Puh, Glück gehabt, nicht auszudenken, wenn wir am Strand nassgeworden wären. Wir preschen zurück zur Parzelle. Durch unsere Rennsporteinlagen befindet sich überall am Körper Sand und Salz. Und wenn ich überall sage, meine ich auch überall. Duschen! Auch das ist schnell erledigt, die Uhr geht bereits auf die 21 zu. Um uns regnet, donnert und blitzt es. Ach, wie gemütlich. Auf dem Grill bereiten wir Pute und Champignons vor, unsere Sprinter machen sich die Pizzareste der Vortage warm. Gegen 22 Uhr sind alle pappsatt und wir batteln uns im Mensch ärgere Dich nicht. Ich belege einen beschämenden dritten Platz und, Mensch, wie ich mich ärgere. Der Tag klingt dann abermals mit Lesen aus. Leider wieder viel zu lang.

 

 

 

Tag 9 - Ausgeschlüpft

 

Die heutigen Temperaturen sind äußerst angenehm. Zum Frühstück müssen wir sogar ein T-Shirt tragen, sonst ist es zu kühl. Grandios. Trotzdem scheint die Sonne, der Himmel ist klar und blau. In der Wohnwagenküche bereitet unsere Bäckereifachfrau nach der Morgenmesse die Brötchen für die kommenden Tage vor, während ich den Grill warmlaufen lasse. Zuerst kommen die Diätgebäcke meiner Liebsten dran. Bei 200 Grad Celsius bollern sie sich 20 Minuten knusprig. Währenddessen zieht der Dinkelbrötchenhefeteig in der Sonne. Fliegender Wechsel, eigentlich aber eher klebriger Wechsel. Ich formę die ersten vier Brötchen, der Hefeteig verklebt mir die Finger. Zack, auf den Grill, 10 Minuten bei 220 Grad. Dann muss ich die Temperatur auf 190 Grad reduzieren, was bei solch einem Campinggerät gar nicht so einfach ist. Auf einmal sackt die Temperatur auf 120 Grad ab, das Feuer ist aus. Mist, Gas alle, resümiere ich. Zum Glück bringe ich den Grill noch einmal zum Brennen, trotzdem sollten wie den Brennmaterialvorrat am Nachmittag ergänzen.

 

Währenddessen radeln unsere Söhne zum Strand und wollen nachsehen, welche Nachwirkungen das Unwetter hat. Begeistert senden sie uns Fotos vom welligen Wasser, sieht ein wenig aus, wie in der Karibik. Also schlüpfen wir alle in die Badesachen und gleiten in die Fluten. Die Wellen sind wahrhaft groß, der Sog des Wassers beim Zurückfließen ebenso. Glücklicherweise zieht es uns dieses mal gen Strand und nicht hinaus auf’s offene Meer. So kämpfen wir gegen den Sog an, warten auf die nächste brechende Welle und lassen uns treiben. Nach fünf Minuten merken wir abermals unsere schlechte Kondition. Es ist tierisch anstrengend. Wir kämpfen uns zwei Meter vor und werden 1,75 Meter zurückgezogen. Hinzu kommt das Salzwasser, das in den Augen und in der Kehle brennt. Kneisternd, spuckend und die Seitenstiche ignorierend, springe ich also gegen die nächste Welle an, es zieht mir die Beine weg und die hart erkämpften fünf Meter der letzten Minuten sind futsch. Wir fassen uns zu viert bei den Händen und unternehmen den nächsten Versuch. Neptun lächelt müde, scheint zu fragen, ob die Vergrößerung der Widerstandsfläche wirklich sinnvoll ist und schickt uns einen fetten Brecher, der uns dem Strand wieder näher bringt.

 

Nach ungefähr einer Stunde geben wir auf, setzen uns zum Verschnaufen in die Auslaufzone der Wellen. Schnell sind die Badehosen mit ein paar Kilogramm Sand gefüllt und wir bereit zum Aufbrechen. Mein Handtuch um die Hüfte geschlungen, versuche ich wie jedes Mal, meine nasse Hose gegen eine trockene auszutauschen. Dabei bleibe ich im Handtuch hängen und ziehe es bis in den kritischen Sichtbereich bis nach oben. Toll, denke ich, da hätte ich das Ding ja gleich ohne was tauschen können und mir dadurch die ungeschickt aussehenden Verrenkungen gesparrt. 

 

Zurück auf dem Campingplatz liefern wir die 10 kg Sand in der Dusche ab, ach schau an, wo das Zeug überall sitzen kann. Als ich sandfrei bin, betrachte ich mein Haupthaar flüchtig im Spiegel. Ach schau an, da ist ja eine blonde Strähne, denke ich. Als ich näher trete, stelle ich fest, es handelt sich mitnichten um gebleichtes Haar, eher ist es die dürftige Pracht, die die Kopfhaut freilegt und sie hell durchblitzen lässt. Die einsetzende Traurigkeit kämpfe ich schnell nieder.  

 

Danach stärken wir uns noch und springen in das Auto. Die erdrückende Hitze empfängt uns darin, schließlich stand die feine Karosse mehrere Stunden in der prallen Sonne. Nach zwei Kilometern können wir wieder normal atmen und springen die wellige Autobahn entlang in Richtung Cecina. In unserem Standard-Campingshop stelle ich die Frage nach Ersatz-Gasflaschen oder einer möglichen Auffüllung unseres Behälters. Geht beides nicht, sagt mir die gut deutschsprechende 60-jährige Mitarbeiterin des Ladens. Aber in Rosignano, 10 Minuten entfernt, gibt es einen Spezialisten. Unser Jüngster bekommt von all dem nichts mit, Körper und Geist haben eine Notabschaltung initiiert und er sitzt selig ratzend auf der Rücksitzbank. Leider gibt es den Laden nicht, den die nette Italienerin aufschrieb, aber unser wacher, findiger Sohn recherchiert eine Alternative. Steuern wir eben die an. In der Straße steht Auto an Auto, wir finden keinen Parkplatz. Also stellen wir das Fahrzeug in eine Auffahrt und meine Lieblingsparkplatzwächterin bewacht das Auto und den darin schlummernden Jungen. Leider spricht der Verkäufer weder Deutsch, noch Englisch, jedoch hilft Deepl uns, die Sprachbarrieren zu überwinden. Gegen die unterschiedlichen Gewindegrößen kann Deepl hingegen nichts verrichten. Wir diskutieren hin und her und schließlich holt der Assistent des Experten einen Adapter aus dem Auto. Wir beschließen gemeinsam, dass wir am nächsten Tag noch einmal mit unserer Flasche vorbeikommen und wir dann unser Glück versuchen.

 

Da wir schon mal hier sind, begeben wir uns gen Meer. Unsere Reiseführerin hat herausgefunden, es gibt in Rosignano einen beeindruckenden Yachthaften und den einzigen weißen Strand weit und breit. Was es in Rosignano nicht gibt, finden wir wiederum gemeinsam heraus, sind Parkplätze in vertrauenserweckenden Gegenden. Wir durchfahren ein Viertel, in dem man nicht mal seine Oma absetzen würde, ohne Angst zu haben, sie könne gestohlen werden. Am Ende landen wir an der Schranke zum Yachthafen. Die Parkpreise sind im Gegensatz zu dem, was man in deutschen Städten gewohnt ist, akzeptabel und so fahren wir ein und bekommen den letzten freien Platz. Nun laufen wir durch die Anlage und schauen uns an, was wir uns mit ehrlicher Arbeit niemals werden leisten können. Schade eigentlich… Der Darm unserer Hündin meldet sich und sie setzt sich mitten auf die Straße und löst sich. Super, ihr Fressen hat sie wohl nicht vertragen und so sind die Stoffwechselendprodukte leider nicht in einer aufhebbaren und tragbaren Konsistenz. Allgemeine Hektik setzt im Familienkreise ein. Neben uns steht ein Hundetrinknapf, nur leider ist er angebunden (wahrscheinlich eine Lehre aus der Erfahrung mit der gestohlenen Oma). Die Schnur reicht nicht rüber. Ein Geistesblick durchzuckt mich, ich nehme eine Kottüte, zapfe Wasser und wir spülen das Ungemach hinfort.

 

Am Ende des Yachthafens entschließen wir uns, kein Boot zu kaufen und flanieren die Strandpromenade entlang. Italiener liegen anscheinend gern in großen Gruppen und eng beieinander. Es ist rappelvoll, selbst jetzt zur Abendzeit noch. Im Wasser ist wegen der hohen Wellen kaum jemand, nur eine rüstige Rentnerin erfrischt sich. Uns plagt ein Hunger, die Imbissbuden laden jedoch nicht zum Verweilen ein. Außerdem wollen wir nicht schon wieder ein Vermögen für das Essengehen ausgeben. Schleppen wir uns eben weiter. Als die Sonne fast untergeht, schießen wir einige hundert Bilder, die wir uns wahrscheinlich nie wieder ansehen werden und drehen Richtung Stadt ab. Es macht den Eindruck, als würden die italienischen Massen genau zur selben Zeit auf die Idee kommen und so gehen wir eine Straße ohne Bürgersteig entlang, auf der wir von extrem vielen Autos überholt werden. Alles ganz normal in Italien, kaum jemand nimmt Notiz von uns. Wir biegen ab auf die Hauptstraße mit Gehweg. Mein Blick fällt auf eine herrenlose Unterhose und die Gedanken fangen an zu kreisen. Wurde sie ausgesetzt? Ist sie weggelaufen, als ihr das andauernde Getragenwerden zu viel wurde? Handelt es sich hierbei um einen besonders schwerwiegenden Fall von illegaler Entsorgung? Wie auch immer, falls jemand seine Schlüpfer vermisst, kann er sich bei mir melden und ich würde ihm die Koordinaten zu dem guten Stück senden.

 

Da unser Abendbrot noch aussteht, begeben sich drei Viertel meiner Familie in den Supermarkt. Ich entdecke in der Promenade davor zwei sehr gemütlich aussehende Sessel, die als Muster vom Verkaufsteam des Einkaufsmarktes aufgestellt wurden. Ich nehme Platz und stelle fest, sie sehen nicht nur gemütlich aus, sie sind es auch. Gerade als mein Puls sich auf Ruhe einstellen wollte, kommt ein hässlicher Besen in Kittelschürze aus dem Kauftempel geschossen und droht mir mit erhobenem Zeigefinger. Ich springe auf und stehe stramm. Sie überzieht mich von Weitem mit italienischen Worten, die ich nicht verstehe, deren Inhalt mir aber dank des gestenreichen Vortrags sehr wohl verständlich sind. Wie Bello dem Hund gibt mir das Schimpferle nun vor, wo mein Platz sei, nämlich auf der harten unbequemen Bank vor dem Eingang. Ich gebe auf und nehme Platz. Ein bulliger, großer Security-Officer kommt auf mich zu. Jetzt übertreiben sie aber, denke ich, mache mich aber schon auf Verhaftung oder Rausschmiss gefasst. Weit gefehlt. Die einschüchternde Gestalt lächelt mich süß an, macht Geräusche, lächelt und verweist auf meine malaten Hunde, die neben mir die angenehme Kühle des Fliesenbodens genießen.

 

Mit frisch gefülltem Einkaufsbeutel machen wir uns auf den Rückweg. Der Parkpreis ist überschaubar. Wir zucken alle kurz zusammen, als unser Erstgeborener beim Bezahlen die Debit-Karte seiner Mutter fallen lässt und diese nur haarscharf neben einem Ritz der Holzdielen aufkommt. Drei Zentimeter weiter rechts und der Abend im Yachthafen hätte etwas länger gedauert. Ich habe mich schon mit einem Kreuzschlitzschraubendreher bewaffnet die Leisten abschrauben sehen.

 

Zurück an der Parzelle spielen wir noch ein Ratespiel. Gewinner und Verlierer gibt es nicht. Dank der heutigen Wellenschlacht sind wir so müde, dass wir nach kurzer Zeit in den Betten verschwinden und sofort einschlafen.  

 

 

 

Tag 10 - Die Bergetappe

 

Heute ist Ausflugtag. Die Abfahrt ist für 13 Uhr geplant. Mehr oder minder, früher oder später - so genau nehmen wir das im Urlaub nicht. Den Vormittag aber wollen wir am Wohnwagen verbringen. Es steht die große Wäsche an, langsam geht die Frische verloren und den Jungs passt leider unsere Unterwäsche nicht. Die jungen Herren entschwinden, um Waschmünzen an der Rezeption zu holen und besetzen auf dem Rückweg die Waschmaschine. Hektik bricht aus, wie oft haben wir erlebt, dass eine kecker Mitcamper uns in der letzten Sekunde das Gerät vor der Nase wegschnappte. Dieses Mal: Happy End. Munter wirbelt die Wäsche hin und her. 57 Minuten später ist sie fertig und meine Liebste und ich versuchen sie komplett auf der kleinen Campingwäschespinne unterzubringen. Mission erfüllt, wider Erwarten können wir alles zum Schluss doch noch luftiger hängen. 

 

Vor der Abfahrt wollen wir noch snacken. Ich nehme mir einsfuffzig und meine Bankkarte und begebe mich zum Shop. Freudig begrüßt mich die sonst auch schon mal übellaunig seiende Elisa :“Buongiorno! Tuto bene?“ Dabei verwendet sie sogar meinen Vornamen. Ich vergesse alle meine rudimentären Italienischkenntnisse - normalerweise kann ich diesen Teil des Small Talks tatsächlich in der Landessprache bestehen - und antworte auf Englisch. Ich zücke meine einsfuzzig und bestelle meinen geliebten Cappuccino. So gut wie hier schmeckt er nirgendwo. Ich sitze unter den Schirmen, rühre, bin gerührt und beobachte die Passanten. Nun möchte ich noch Obst holen. Doch da: Elisa trägt zwei Schüsseln mit Essen für sich selbst und den ebenfalls tätigen Stefano raus. Mist, die nachfolgenden Sendungen verschieben sich um mehrere Stunden. Das Essen wird aufgeteilt, die Gabeln werden genüsslich von Teller zu Mund geführt. Ich traue mich nicht, die traute Zweisamkeit zu stören und beobachte vom Rande meiner leeren Tasse das Geschehen. Um mir die Zeit zu verkürzen, stehe ich auf und pflücke Basilikum im platzeigenen Kräuterbeet. Hier kann sich jeder so viel nehmen, wie er möchte. Zumindest das hat sich nicht geändert. Früher war auch die Nutzung der Waschmaschinen und Tockner kostenlos. Heute kostet eine Runde vier Euro. Warum? Ich nehme an, auf Grund des Missbrauchs einiger Personen. So sah ich beispielsweise vor zwei Jahren eine einsame Herrenbadehose, für die ein eigenes Waschprogramm lief. Durch solche blöden egoistischen Arschlöcher hat doch keiner mehr Lust, Menschen etwas aus gutem Willen und kostenlos zur Verfügung zu stellen. Zurück zum Basilikum. Die Mittagenden näherten sich dem Ende und so ging ich an das Obst- und Gemüseregal und suchte mir ein paar Pfirsiche und Tomaten raus. Stefano, frisch gestärkt und bester Laune, kassierte ab, sagte ein paar nette Worte auf Italienisch, deren Inhalt ich nur ahnte, aber nicht verstand. 

 

Zurück am Stellplatz bereitete die routinierte Reisegruppe den Mittagssnack vor, um ihn anschließend in Windeseile zu verputzen. Wir schreiben 13:30 Uhr, als wir abfahrtbereit sind. Blöderweise vergesse ich meine Badehose und höre mir unterwegs den Vorschlag an, ich könne doch in den Quellen, die wir unter anderem besichtigen wollen, in Unterhose baden. Hervorragende Idee, denke ich Augen-nach-oben-ziehend, schaue aber in einer unbeobachteten Minute nach, welches Modell ich heute untenrum trage und ob es einem Prüfblick als Badehose standhalten würde. Könnte klappen. Aber zunächst sausen wir nach Volterra. Das ist eine hübsche alte Bergstatt, die für die Verarbeitung von Alabaster bekannt ist. Wir durchqueren das Örtchen Bibbona, in der der Dieselpreis mit 1,68 Euro pro Liter ausgewiesen ist. Mensch, die Mineralölkonzerne nutzen wirklich jede Möglichkeit aus. Bibbona ist ziemlich abgelegen und die letzten 30 Kilometer sahen wir keine Zapfsäule. Das grenzt für mich an Wegelagerei. Vielleicht kommen wir ja gleich an einen Schlagbaum, an dem Männer in stählernen Rüstungen einen Wegezoll verlangen, um passieren zu können. „Geld oder Leben!“ Egal, wir haben noch genug Kraftstoff im Tank und fahren weiter. Vor dem Örtchen gab es eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 70 km/h, warum weiß man nicht so richtig. Die Straße war schön gerade, der Belag für italienische Verhältnisse ausgezeichnet, nur zweimal stößt unser Stoßdämpfer mit lautem Kawumm beim Durchqueren der Bodenwellen durch. Hinter dem Städtchen hingegen beginnt eine sehr enge Straße, die viele scharfe Kurven und Kehren hat. Hier wiederum ist die Geschwindigkeit freigegeben, außerorts also 90 km/h. Ich nehme an, hier regelt der Tod die Geschwindigkeit und die italienische Verwaltung konnte Schilder sparen. Egal, wie schnell man fährt, immer sitzt einem ein aufgeweckter Italiener oder eine rasante Italienerin im Nacken und drängelt einen. Egal, ob man mit 30 über die Straße tuckelt oder mit 95 durch die Kurven schleudert. Geschwindigkeitsregeln sind nur Anhaltswerte, die Physik bestimmt das Höchsttempo. Überholt wird immer, egal ob vor Kurven, Bergkuppen oder bei durchgezogenen Mittellinien. 

 

Die Steigung nimmt zu, wir nähern uns Volterra. Noch 27km. Wir fahren weiter, noch 29 km. Hä?! Naja, mittlerweile haben wir uns an die künstlerische Freiheit der Beschilderer gewöhnt, Entfernungen werden abgeschätzt, nicht gemessen. Aber wir wissen, es sind zwischen 20 und 50 km. Mit der Steigung nimmt auch die Kurvenanzahl zu. Selbst mir als Fahrer wird es etwas übel. Unser Jüngster setzt wiedermal auf Notabschaltung und ratzt ein. Sein Kopf pendelt in den Kurven wie ein Metronom von links nach rechts und gibt den Takt vor. Der sorgsame Bruder hatte zum Glück im letzten Schuljahr Handball und fängt die Birne in den Linkskurven auf, bevor sie in der Mittelkonsole einrastet.

 

Im Städtele angekommen, suchen wir einen Parkplatz. Ziemlich schwierig, sind die vorhandenen doch auf Fiat 500 (den Originalen, nicht auf die von heute) ausgelegt. Beim zweiten Anlauf klappt es. Der Große muss dringend Wasser abgießen und eilt in das neben dem Stellplatz gelegene Toilettenhäuschen. Blass und angeekelt erscheint er zwei Sekunden, nachdem er die Tür geöffnet hat, wieder draußen. Ein Scheißer mit Sprenkler vor dem Gesäß hat sich verwirklicht und anscheinend keinen Flecken des Kachelparadieses ausgelassen. Toilette treffen ist eben nichts für Anfänger. 

 

Wir gehen durch die Gassen. Im Ortszentrum vor dem Rathaus wird eine Veranstaltung vorbereitet. Wir sehen Gruppen in roten, grünen, weißen und lilafarbenen Shirts. Was das wohl wird… Weil es zu langweilig ist, die Vorbereitungen zu beobachten, laufen wir weiter. Unterwegs kommen uns immer wieder Menschen mit besagten Shirts entgegen und tragen große Armbrüste über den Schultern. Anhand der Waffen versuchen wir einzuschätzen, welche Farbe am Ende der Schlacht wohl als Sieger hervorgehen wird. Unser Tipp: Rot! Leider reisen wir aber zu früh ab, um das Resultat zu erfahren.

 

Nach vier Monaten gönne ich mir das erste Eis. Creme Catalana und Vanille. Verdammte Scheiße, ist das lecker. Ich nasche sonst nicht so gerne, aber das ist wirklich der Wahnsinn. Da unsere Diätbegleiterin noch darbt, geben wir vor, es würde gar nicht schmecken. Angeekelt schauend, schlecken wir unsere leckeren Eis weg.

 

Nach der Anfertigung diverser hundert Fotos und der Besichtigung aller Gassen, springen wir wieder ins Auto und fahren weiter. Heute sind es nur 22 Grad, also haben wir beim Einsteigen keine Atemnot. Das neue Ziel: Die berühmten Quellen von Dings. Also fahren wir die Serpentinen runter, der Kleine schaltet abermals ab, mir ist kotzübel, wir werden gedrängelt, staunen über die Ecken, an denen die Einheimischen überholen und erreichen schließlich die Quellen. Sie speisen, wie soll es anders sein, einen Fluss ein. Vorher laufen sie aber in Becken, die aus der Zeit des Römischen Reiches stammen und dienten als Thermen. Wie Julius Cäsar fühlend, begeben sich meine lieben Familienmitglieder in das klare Wasser. Ich verzichte, den anwesenden Badegästen meine Schlüppa zu zeigen und bewache die Hunde. Den Geräuschen anderer junger Damen und meiner Familie nach zu urteilen, muss das Wasser sehr kühl sein. Hier gibt es keine Sprachbarrieren, beide Nationen sagen dasselbe: „Huuu, Haaaa, Ihhhh, Puuuuuhhhhh“. Schließlich liegen alle im Wasser und freuen sich über die Abkühlung. Ich beschließe, zumindest meine Füße mal zu Wässern uns steige hinab. Als ich auf einem Stein im flachen Wasser stehe, kommen etliche kleine Fische auf mich zuggeschwommen und fangen an, meine Füße zu pediküren. Und das völlig kostenfrei. Sie knabbern Hautschuppen ab und reinigen eine Schramme, die ich mir am Vortag an einem Zweig zuzog. Wer nun denkt, meine Füße sähen aus, wie schuppige Drachenbeine, irrt. Aber trotzdem haben mindestens 30 Fische genug zu tun und es kribbelt, als sie ihre Arbeit verrichten. Nun wird der Rest meiner Familie neugierig und sie gesellen sich dazu. Weitere Fische kommen angeschwommen und schnell scheint es sich im Wasser rumzusprechen, dass deutsche Hauptnahrungsquellen eingetroffen sind. Internationale Ernährung, sozusagen. 

 

Mit babyhautüberzogenen Fortbewegungsmitteln fahren wir weiter gen Campingplatz. Blöderweise muss man wieder durch Volterra und unsere Bergerfahrungen wiederholen sich. Es ist mittlerweile halb Acht und uns quält ein Hunger, haben wir doch heute kein Mittag gegessen. In einem Örtchen, das wir passieren, halten wir an einem Restaurant. Eine etwa achtzehnjährige freundliche und gutaussehende Kellnerin empfängt uns. Ihr Englisch beschränkt sich auf „Yes“ and „No“, aber wer sind wir, darüber zu lästern, sind doch unsere Italienischkenntnisse vergleichbar. Das Lokal ist zu dieser Zeit leer, trotzdem werden wir gefragt, ob wir reserviert haben. „No“, antworten wir im akzentfreien Italienisch. Oh, scheint ihr Blick zu sagen. Aus dem Fenster schaut die Chefin, dem Gesicht nach zu urteilen der Kellnerin Mutter. Die Tochter bringt uns zu einem Tisch, wir setzen uns und werden von Mutti wieder hochgejagt. Sie bedeutet uns, gleich kämen Gäste mit molto Bambini und wir sollen doch den Tisch auf der anderen Seite nehmen. Der ist auch schön und wir setzen uns hin. Mutti trägt uns die Tafel mit den Tagesangeboten an den Platz und erklärt wortreich auf Italienisch die Besonderheiten. Das meiste verstehen wir aus dem Kontext. Nun sagt sie „BBQ“ und „T-Bone“ und lächelt uns erwartungsvoll an. Wir nicken, was aber der darauffolgenden Reaktion nicht die richtige Antwort war. Mit Händen sprechend verlangt sie von uns, ihr zu folgen. Wir gehen gemeinsam durch den Gastraum, direkt in die Küche. Hammer. Dort sind viele Küchenhelferinnen und der Koch am Arbeiten. Alle freuen sich, uns zu sehen und grüßen freundlich. Die Chefin bringt uns ans offene Feuer und holt das größte und frischeste T-Bone-Steak aus dem Kühlschrank, das ich je gesehen habe. Auf die Frage nach de Preis holt der Chefkoch sein Handy aus der Tasche und nutzt ein Übersetzungsprogramm. Tolle neue Welt. 58 Euro soll das gute Stück kosten, er empfiehlt dazu Vorspeise und Sättigungsbeilagen (das Wort hat er so natürlich nicht gesagt) und wir haben einen Deal.

 

Schnell werden die Vorspeisen gebracht und noch schneller greifen meine Mitesser nach den Gabeln und stechen auf das gute Essen ein. Erleichtert atme ich auf, als ich feststelle, die Kellnerin konnte ihre Hand noch rechtzeitig wegziehen. Nun bekommt das ausgehungerte Pack noch keine Tellerchen hingestellt und schämt sich für die Voreile. Und hätte ich die Hände nicht vollgehabt, hätte ich wahrscheinlich auch schon gekaut.

 

Pünktlich erscheint darauf das göttliche Serviererinnenteam und bringt das perfekte T-Bone-Steak. Außen knusprig, innen well done. Netterweise schnitt der Koch schon das Fleisch vom Knochen. Gewürzt ist es mit grobkörnigem Meersalz, serviert wird es auf einer Schieferplatte. Wie lecker es schmeckt. Getrübt wird die Freude nur von der Angst vor der Rechnung, haben wir doch nur für das T-Bone-Stück, nicht aber für den Rest einen Preis vereinbart. Der Schock bleibt aber aus, so viele Euros wechseln am Ende dann doch nicht den Besitzer.

 

Den Abend beschließen wir am Wohnwagen sitzend und spielend. Wir freuen uns über angenehme 22 Grad, besonders im Hinblick darauf, dass zuhause in Deutschland der Winter einzubrechen scheint.  

 

 

 

Tag 11 - Spanferkel ist aus!

 

Und so begab es sich an einem lauen Sommermorgen im Jahre 2025 des Herren, dass die muntere Reisegesellschaft des morgens ob des sonnigen Wetters frohlockte. Die Söhne der Familie begaben sich auf des Schusters Rappen zum Krämerladen des Lagers, um Brot und Wein zum Frühstücke zu holen. Heissa, was war das für ein Juchzen und Scherzen, als die beiden tapferen Recken mit ihren Hunden an den Leinen den Weg entlangsprangen. Der müde alte Vater der Familie freute sich gar sehre, seinen schwachen Leib am Laibe zu stärken.

 

Sodann schickte er sein Weib und die zwei quirligen Gesellen zum Markte, um die Vorräte aufzufrischen. Sibylle die Besorgte bestieg die Kutsche, ließ die Peitsche knallen und trieb die Pferde an. Weil die Familie so bettelarm war, konnten sie sich keine Magd leisten. Und so musste unser armer Held selbst die Hausarbeit verrichten. Er schüttelte die Betten auf, wusch das Geschirr mit seinen blanken geschundenen Händen und trug die Nachttöpfe hinaus, um sie zu entleeren und zu reinigen. Eine alte Kriegsverletzung peinigte ihn gar sehre und so trug er die vollen Schüsseln zitternd hinweg, stets in der Angst, seine Hände könnten besudelt werden.

 

Unsere Gesellschaft stärkte sich, als die Drei zurückkehren. Das glockenklare Lachen des jüngsten Sohnes, Heinrich dem Heiteren, durchschnitt die Luft des Lagers. Anschließend begaben sie sich zum Meere, um ein Bade zu nehmen. Johannes der Lange sprang dabei von Welle zu Welle und betrieb ein gefährliches Spiel. Sibylle die Besorgte rief ihm zu: „Heda, Knabe, achte auf die starke Brandung, nicht dass sie Dich hinwegträgt!“ Der feine junge Herr gehorchte artig.

 

Um sich vom Salze zu reinigen, nutzten die lieben Reisenden himmelblaues Quellwasser, was eiligst herbeigetragen wurde. Zur allgemeinen Zerstreuung diente anschließend ein Würfelspiel, dass der Vater der Familie bei einer seiner vielen Handelsreisen von einem reichen Kaufmann erstand. Heinrich dem Heiteren war das aber nicht genug, wollte er doch seine Kräfte beim Ballspiele messen. Alsdann quälten sich der alte Herr, sein junges Weib und der ältere Bruder auf das Spielfeld und ließen den Ball kreisen.

 

Da Spanferkel leider aus war, aß die müde Gesellschaft einen Salat zum Abend. Ei, was schmeckte das gut. Lautes Schmatzen, Grunzen, Pfurzen und Rülpsen war im ganzen Lager zu hören.

 

Später begaben sie sich in ihre Bettstätten, schüttelten das Stroh auf und schliefen den gerechten Schlaf des Herren! 

 

 

 

Tag 12 - Ein Abriss

 

  1. Zum Frühstück gibt es heute mal dunkles Brot. Dem Harndrang des Rüden sei Dank, weckte er mich doch heute schon vor Acht.
  2. Uns gelingt eine reibungslose Abfahrt in Richtung Massa Marittima. Die Reiseleiterin schwärmt über die Gegend, so jedenfalls lauten ihre Erkenntnisse aus dem Reiseführer.
  3. Ja ja, wir reiten über die Autobahn. Mal rastet der Kopf am Dachhimmel ein, mal ächzen die Stoßdämpfer. Wie die Römer mal Aquädukte bauen konnten, die über viele Kilometer ein gleichmäßiges Gefälle hatten, wird wohl immer ein Rätsel bleiben. Ich tippe auf außerirdische Technologie.
  4. Massa ist ein verschlafenes Örtchen auf dem Gipfel eines Berges. Eng reihen sich die alten Häuser aneinander. Für 14 Euro gelangen wir alle auf die Stadtmauer. Auf Grund der steilen Treppe bekommen die Hunde und ich einen Schlüssel zum Aufzug und kommen mühelos hinauf. Die anderen müssen klettern. „Steiget hoch, Ihr roten Adler, hoch über dieses Land“ singend, nutze ich die Kabine und erscheine wie Gott in Frankreich auf der Mauer.
  5. Der Blick über die Maremma ist atemberaubend, so schön konnte ihn mein Beschreiberlein nicht schildern. Ich erhalte Instant-Erholung und überlege, wer mir Geld für den Kauf einer Ferienwohnung in dieser Gegend senden kann. Und wenn dieser Wink noch nicht deutlich genug ist: Schickt mir Geld, es ist für einen guten Zweck!
  6. Wir dürfen alle mit dem Aufzug herabgleiten. Ist es nun ein Abzug, grübele ich? Anschließend sitzen wir auf einer Bank vor einer Mauer und blicken, wenn auch von tieferer Position, wieder beeindruckt über diesen schönen Landschaftsteil.
  7. Abfahrt nach Siena. Dachten wir, die Straßen nach Volterra waren kurvig, so lehrt uns dieser Track eines besseren. Kehren, Wenden, Steigungen, Gefälle. Der Rüde im Kofferraum hustet und stöhnt, seine Zeichen des Protestes sind deutlich. 
  8. Egal, welches Tempo wir auch immer fahren, stets werden wir von italienischen Fahrzeugen gedrängelt. Im Überholverbot fahren sie vorbei, dort, wo es erlaubt ist, komischerweise nicht.
  9. Die Einfahrt in das Parkhaus Sienas erinnert eher an ein Mauseloch. Trotzdem können wir passieren und finden ein possierliches Parkplätzchen.
  10. Wir bummeln durch Sienas Gassen. Der Jüngste kauft sich eine Kette, stellt aber anschließend draußen fest, dass es sich um ein Armband handelt. Das ist ihm zu weiblich. Die freundlichen Kassiererinnen tauschen es ohne Diskussionen um und er ist nun angekettet.
  11. Wie viele andere Leute nehmen wir auf dem zentralen Platz Platz. Wir sitzen auf dem Pflaster im Zentrum. Wir nehmen gerade Fotos auf, da summt etwas über uns. Eine Drohne stört die traute Viersamkeit mit den anderen Tausend Touristen. Schnell weiß ich, worum es sich dabei handelt. Meine Schwiegermutter erzählte uns nämlich am Telefon, sie schaue über die iPhone-Funktion „Wo ist“ des Öfteren, wo wir uns befinden. Das mit der Drohne finde ich jetzt etwas übertrieben, aber wenn es sie glücklich macht… Ich winke meiner Schwiegermutter, sende Handküsschen nach oben und schaue in Google nach, was ein Luftgewehr kostet und ob man damit Drohnen vom Himmel holen könnte.
  12. Abfahrt. Unterwegs suchen wir einen Supermarkt, haben wir doch keine Vorräte, die uns als Abendbrot dienen könnten. Im heimischen Conad werden wir fündig und decken uns ein.
  13. Abends gibt es „Italienisch“, Nudeln mit Tomatensauce sollen gegessen werden. Da ich einen Kreislaufzusammenbruch habe, übernimmt der Jüngste das Schnippeln. Ich kaufte Peperoni. „Obacht!“, sage ich, „die sind scharf, Mann“. Er kostet, findet sie aber nicht scharf. Daraufhin bedeute ich ihm, einen Kern zu kosten, den wiederum findet er scharf. In einem Anflug von Wahnsinn, probiert er ein größeres Stück des Fruchtfleisches, beißt sich dabei auf die Lippe, jammert die nächsten dreißig Minuten über Brennen und Schärfe und kleidet seinen Mund in Handtuch und Eispad. 
  14. Essen gut, alles gut. Müde fallen wir ins Bett und schlafen schnell ein.  

 

 

 

Tag 13 - Gelato ist mein Kryptonit

 

 

Irrer Tag heute, Schwiegermutter soll 14:45 Uhr in Pisa landen, wir wollen sie abholen. Morgens berechnen wir, wann wir abfahren müssen, kalkulieren dabei aber nicht den Deutsche-Bahn-Faktor ein. Wobei, in diesem Fall ist es Easyjet, die zu spät abheben. So haben wir mehr Zeit auf der Parzelle, die wir mit saubermachen, abwaschen und Mittagssnack essen zu füllen wissen. Sogar ein kleines Nickerchen für den lieben Papi ist drin. Als ich eindämmere, lasse ich den Vormittag Revue passieren und schäme mich immer noch etwas. Auf dem Weg zum Abwasch hatte ich in der linken Hand die volle Geschirrschüssel, rechts Spüli und Abtropfgitter. Das Geschirrhandtuch stopfte ich in die linke Hosentasche. Unterwegs schaute ich nach unten und stellte fest, das Handtuch beult meine Hose spitz nach vorne aus, gerade so, als trüge ich eine Lanze vor mir her. Schockschwere Not. Ändern kann ich das gerade nicht, da ich das mitgetragene Equipment nirgends abstellen kann. Dem unbedarften Beobachter, der mich von der Seite sieht, könnte sich ein falsches Bild vermitteln. Es sieht aus, als wäre ich scharf auf die Abwascherei und hätte meine äußeren Geschlechtsmerkmale nicht im Griff. Ich versuche, vornübergebeugt zu gehen, das verschärft jedoch das Bild noch, da sich dabei Handtuch und Tasche gen Hosenmitte bewegen. Das Zeug, welches ich in den Händen trage, kann ich nicht davor halten, denn dann sieht es so aus, als versuchte ich, etwas zu vertuschen, das es gar nicht zu vertuschen gibt. Ich entschließe mich, schneller zu gehen und erreiche schließlich ohne Belästigungsanzeige das Spülbecken.

 

Halb Zwei fahren wir los, wollen wir doch pünktlich sein. Durch die Verspätung haben wir Zeit und wählen die autobahnfreie Route. Unterwegs ist richtig was los, vor uns befinden sich etliche LKWs. Meine schumacherische Beifahrerin peitscht mich an, doch zu überholen. Ich mache sie darauf aufmerksam, wir haben das Tempolimit bereits überschritten, in Italien sind die Brummis schneller unterwegs als bei uns.

 

Am Aeroporto angekommen, warten wir das Eintreffen der schwiegernden Mutter ab. Als sie sich im Arrival-Schalter am Horizont kristallisiert, geht ein freudiges Raunen durch die Masse. „ Aaaaahhh, Ohhhhh, Uhhhhh“, ertönt es. Guten Tag, Küsschen, Küsschen, heiß hier, ab ins Auto. Wir wollen uns den schiefen Turm von Pisa anschauen. Die Navigatorin gibt „Zentrum“ als Ziel ins Navigationssystem ein und wir fahren die Route ab. Leider steht der Statikerirrtum aber nicht im Zentrum, neues Ziel: „Victoria Parking, Torre“. Die freundliche Google-Maps-Stimme führt uns dieselbe Route zurück, die wir soeben gekommen sind, wir landen am Flughafen. Unverständnis, Wut, Trauer und Frustration machen sich breit. Nächster Versuch. Wir sehen die Route nun das dritte Mal, lustigerweise überholt uns ein knatternder Roller an genau derselben engen Stelle, an der uns beim letzten Mal auch einer überholte. Haben wir den Riss in der Matrix gefunden? Steht da ein Murmeltier auf dem Gehweg und winkt?  

 

Wir finden einen Parkplatz genau an der Stelle, an der wir vor drei Jahren schonmal parkten. Wir tippeln rüber zum Turm (ca. 1,5km). Menschenmassen türmen sich davor auf. Ein jeder kommt auf die originelle Idee, sich so fotografieren zu lassen, als würde man den Turm aufrichten. Drei kurvenreiche Touristinnen, die ihre besten Jahre hinter sich haben, aber immer noch die Bekleidung der besten Jahre tragen, bitten mich, ein Foto von ihnen anzufertigen. Deutsch und Englisch sprechen sie nicht, sie schlagen Spanisch als Kommunikationsbasis vor. Da bin ich raus, aber wir müssen ja nicht reden… Die Augen zusammenkneifend stehe ich vor den Damen, jederzeit damit rechnen, der knappe Stoff, der die Oberkörper umhüllt (auch wenn hier von Umhüllung nicht zu sprechen ist) könne nachgeben und mir ins Gesicht explodieren. Tut er aber nicht. 

 

Nachdem wir den Turm gesehen haben, er steht übrigens schief, laufen wir durch die Fußgängerzone zurück ins Auto. Weiter geht es ins Einkaufszentrum, die jungen Herren wollten noch bestimmte Bekleidung erstehen und wir benötigen einen Topf. Unser Gas ist nämlich fast alle und unsere Töpfe haben eine leichte Verbeulung, weshalb der Induktionsherd mit „No“ auf die Aufforderung zur Arbeit reagiert.

 

Angenehme Kühle umgibt uns im Paradiso di Shopping. Der Erstgeborene und ich beschließen ein Eis zu essen, ein Fehler, wie sich am nächsten Morgen herausstellen wird. Konnte ich bisher alles essen und sogar Bier trinken, ohne zuzunehmen, werde ich von heute auf Morgen allerdings die kritische Grenze durchbrechen und über mein Sollgewicht gehen. Eine Kleinigkeit, jedoch nach der frustrierenden Diätphase der letzten Monate essenziell. Also werde ich künftig auch darauf verzichten und lieber eine Möhre knabbern…

 

Gegen halb neun fahren wir zurück, treffen eine Stunde später an der Parzelle ein. Meine Lieblingsbareeperin mixt uns einen Aperol Spritz, der wieder hervorragend schmeckt und kurz danach verschwinden wir alle in der Heiabutz.

 

 

 

Tag 14 - String

 

7:40 Uhr! 7:40 Uhr! Sieben Doppelpunkt Vierzig!!! Sieben Uhr, vierzig Minuten! Zwanzig vor Acht! In anderen Worten scheiß früh! SchwieMu und der Jüngste haben sich zum gemeinsamen Aufstehen und Brötchenholen verabredet. Um diese Zeit!!! Flüsternd tauschen sie sich im Wohnwagengang über den Verbleib der Bekleidung und der Waschsachen aus. In der Schlafenden Wahrnehmung ist es jedoch wie Gebrüll. Erlösend schnell verschwinden die beiden aus dem Wohnwagen, im Austausch tritt wohltuende Ruhe ein. Aber das schlechte Gewissen ist geweckt und so stehen wir gegen acht Uhr auf. Als wir aus den Räumlichkeiten wiederkommen, ist das Frühstück bereitet, nur die Heißgetränke fehlen noch. Schlaraffenland 2.0. 

 

Am Vormittag entschwindet unsere Nahrungsbeschafferin zum Supermarkt, während ihre Mutter und ich uns zur Cappuccino-Zentrale des Campingplatzes begeben. Das schwarze Gold belebt unsere Sinne, die schöne Atmosphäre bedeutet Instant-Erholung. Vor dem Rückweg kaufen wir frische Pfirsiche, eine handballgroße Wassermelone und Tomaten, die sodann zurück am Wohnwagen in einen Mittagssnack verwandelt werden. 

 

Eine Stunde später: die Karawane zieht gen Süden zum Baden. Nach anfänglicher Ziererei nutzt meine Schwiegermutter das Fahrrad meiner Liebsten. Naja, nicht ganz freiwillig. Die nächste Eskalationsstufe wäre gewesen, ihre Tochter hätte sie genommen, auf den Sattel gesetzt, das Fahrrad angeschoben und „FAHR!“ hinterhergebrüllt. Soweit musste es aber nicht kommen, die Entzugsdrohung von Alkohol und Kaffee hat ausgereicht. 

 

Das Meer rauscht seicht, die Wellen sind nicht besonders hoch. Hoch sind aber die Außentemperaturen und so fühlt sich das Wasser etwas kühl an, als wir hineingleiten. Naja, ich stakse eher, als dass von gleitender Eleganz gesprochen werden könnte. Als ich zipfeltief drin bin, klatschen mir die Wellen gegen den Bauch und ich überwinde mich, mit einem sportlichen Bauchklatscher reinzuspringen. Dann ist die Wassertemperatur eigentlich ganz angenehm. Wie zwei Bojen sehe ich die Köpfe unserer beiden mitgeführten Damen oberhalb des Wasserspiegels durch die Wellen auf- und absenken. Sie unterhalten sich über so interessante Themen, dass unser sonst sehr neugieriger Erstgeborener sogar die Flucht ergreift und sich zum Jüngsten und mir begibt. Wir fangen an, Fange zu spielen. Durch meine elfengleiche Figur, den geringen Wasserwiderstand meines Bauches und meine extrem muskulöse Beinmuskulator laufe ich den beiden Herren im tiefen Wasser wie Neptun davon. Um die Motivation aufrecht zu halten, lasse ich mich nach einiger Zeit aber einfangen. Der Kleine steigt mir auf die Schultern, ich versuche ihn abzuschütteln. Aus seinen zwei Beinen und zwei Armen scheinen jeweils zehn zu werden, so richtig kann ich mich dem Klammeräffchen nicht entwinden. Als es mir fast gelingt, steckt er seinen großen Zeh in den Bund meiner Badehose und wickelt den Stoff darum. Das sonst bequem sitzende Bekleidungsstück wird zuerst zur Tanga, dann zieht es sich schmerzhaft zwischen meinen Backen nach oben in Richtung Bauchnabel. Der nun auf Zahnseidenniveau gebrachte Stoff schneidet mir fast ins Fleisch. Der Klügere gibt nach, denke ich, verzichte dann darauf, zum Eunuchen gemacht zu werden, behalte den Reiter auf den Schultern und fühle mich, wie ein im Rodeo untergeordnetes Pferd.    

 

Zurück am Wohnwagen: In einer lockeren Plauderei erwähnt meine Schwiegermutter gegenüber ihrer Tochter, sie würde sich nicht mit Sonnencreme bei dieser Hitze eincremen, es ist so unangenehm, wenn man schwitzt und das dann runterläuft (also die Sonnencreme vom Körper). Gefährliches Terrain! Ich hatte meiner Liebsten vor ein paar Tagen berichtet, ich müsse meine Beine nicht mehr eincremen, meine Beinbehaarung würde anscheinend alle Sonne abblocken und erhielt danach eine fette Standpauke. Mein wahnwitziges Schwiegermütterlein jedenfalls schalmeit unbedarft ihre Verfehlung hinaus. Dabei lächelt die S-Bahn-Surferin des Hautkrebses noch. Die Hunde stürzen jaulend unter den Wohnwagen! Die Vögel hören auf zu singen, die Kinder verharren bewegungslos im Inneren der Casa Rollo. Es kracht tierisch laut, als einem unserer Söhne ein Haar ausfällt und zu Boden geht. In meinem Kopf höre ich die Melodie von „Spiel mir das Lied vom Tod“. Die Bungee-Jumperin der Dermatologie ahnt noch nichts. Meiner Liebsten Pulsader pulsiert sichtlich am Hals. Ein Wüstenbuschel weht durch das Vorzelt. Gleich wird das Gewitter über uns hereinbrechen und die Freeclimberin des Eincremens ist komplett ahnungslos. Ich sehe das Weiße in den Augen der Tochter der Hautkrebs-Geisterfahrerin. Dampf tritt ihr aus den Nüstern. Sie scharrt mit den Hufen und schaut der Vorsorge-Torrera ins Gesicht. Ich werfe mich vorsichtshalber auf den Boden, bei der anstehenden Schießerei möchte ich nicht im Weg stehen. Meine Frau zieht. Der Verbalcolt kreist um ihren Zeigefinger, rastet dann ein, sie betätigt den Auslöser und streckt die Steilhangskifahrerin des schwarzen Krebses nieder. Nun cremt auch das Schwiegermütterlein, nur ein leichtes nervöses Zucken im rechten Lid bleibt vom Erlebten zurück.

 

Abends begeben wir uns, diesmal zu fünft, in den reservierten Whirlpool. Da meine Experimente beim letzten Mal leider nicht den gewünschten Anklang erreichten, verzichte ich auf den erneuten Versuchsaufbau und lasse lediglich den Whirlpool blubbern. Schade, denke ich, die Mitbadenden wissen nicht, welche wissenschaftliche Wonne ihnen entgeht. 

 

Dinner Time, wie der Brite sagen würde. Für die Kinder soll es die restlichen Nudeln mit Tomatensauce geben, für uns möchte ich Hühnchen mit Champignons bereiten. Da das Propangas fast leer ist, stöpseln wir den Induktionsherd an. Letztes Mal, als wir das taten, flog die Sicherung raus. Unser Erstgeborener legt deshalb eine separate Leitung und ich schalte beide Platten an. Drei Minuten lang erwärmen sich die Töpfe, dann umgibt uns Dunkelheit. Routiniert schält sich der Große aus dem Wohnwagen, tippelt zum Stromentnahmepunkt und stellt fest: „Alle Sicherungen sind drin!“ Wir warten, dann schaltet sich der Strom wieder ein. Beide Platten volle Pulle, ich gehe davon aus, der Stromausfall kam zentral und es betraf den ganzen Campingplatz. Peng, Dunkelheit, die Szene wiederholt sich. Nach dem dritten Dunkelpeng beschränke ich mich auf einplattiges Kochen, bevor ich mit dem Induktionsherd eine Explosion in irgend einem italienischen Atomkraftwerk provoziere.

 

Nachdem wir das entsprechend später servierte Essen verzehrt haben, unterhalten wir uns noch ein wenig und verschwinden in den Betten.

 

 

 

Tag 15 - Lookie Lookie in Lucca

 

Wir starten früh, wollen wir doch noch den örtlichen Wochenmarkt besuchen, bevor wir nach Lucca fahren. Leider scheint es ihn aber nicht mehr zu geben. Bei unseren vorjährigen Besuchen war die Hauptstraße gesperrt, die Stände breiteten sich auf den folgenden zwei Kilometern aus. Dieses Mal gibt es zwar merklich mehr Verkehr und Parkende, die Straße ist jedoch frei. Macht nichts, Olivenöl wollten wir auch auf Vorrat kaufen, „Fahren wir doch zur BHG!“, schlägt meine westdeutsch sozialisierte Ehefrau vor. Stolz macht sich in meiner Brust breit, verwendet meine Liebste nun doch die Begriffe, die ich aus vorwendlichen Zeiten kenne und inflationär zuhause benutze. Lächelnd steuere ich die Bäuerliche Handelsgenossenschaft an. Im Inneren herrscht klimatisierte Kühle und wir müssen uns beeilen, um die Bildung von Eisblumen auf Schwiegermutters Brille zu vermeiden. Unser Lieblingsöl ist im Angebot, wir kaufen zwei Kanister. Ein hübsches Ölgefäß findet den Weg in unseren Einkaufskorb - damit transportiere ich Olivenöl auf meine Arbeit, um dann meinen Salat damit zu krönen -, genau wie eine Baumsäge, die mich mit ihrem Preis überzeugt. Viele Euro später entschließen wir uns, das ganze Zeug zuerst zum Wohnwagen zu bringen. Gesagt getan, danach geben wir der Karosse die Sporen in Richtung Lucca. Unterwegs sehen wir, der Markt ist nur umgezogen und befindet sich jetzt hinter den Häusern. Egal, wir fahren weiter. 

 

Dort angekommen finden wir sofort ein possierliches Fiat 500-Parkplätzchen, und können uns dank der Einreibung mit Sonnencreme wie fünf Zäpfchen, nur in entgegengesetzter Richtung, aus dem Auto pressen. Durch einen langen Kellergang unterhalb der Stadtmauer kommen wir in die historische Altstadt. Regen setzt ein, wir fliehen in einen historischen Garten und stellen uns dort unter die Torbögen. Schön ist es, die Husche ist schnell vorbei, wir laufen weiter. Da uns ein Hüngerchen quält, erstehen wir Panini, die wir vor historischer Kulisse auf einem Bordstein hockend verspeisen. Oma und Enkel verschwinden in einem Laden. Wenig später kommt der Letztgenannte grinsend aus dem Geschäft. Was war passiert? Meine Schwiegermutter lernt, so lange ich sie kenne, Italienisch. Anfangs über eine CD, kurze Zeit im Volkshochschulkurs, dann über eine App. Sie kann somit auf über zwanzigjährige Sprachkenntnisse zurückgreifen. Nur an Vokabular, Grammatik und Aussprache mangelt es ein wenig. Meines Erachtens liegt das daran, dass sie sich nicht traut zu sprechen… Jedenfalls waren die beiden Shopper im Geschäft und der italienische Verkäufer kassierte. SchwieMu zahlte, bedankte sich auf Deutsch und sagte im Hinausgehen: „Einen schönen Tag noch!“ Leider aber nicht auf Italienisch, sondern in Deutsch. Wahrscheinlich steht der Verkäufer noch immer da und überlegt, was die freundliche Dame ihm wohl sagen wollte.

 

Nachdem wir die Altstadt genug angeluccat haben, begeben wir uns auf die beeindruckende breite Stadtmauer. Sie umschließt die gesamte Stadt, ist gute 30-40m breit und man kann darauf laufen und Radfahren. Eine Allee befindet sich darauf, man kann also im Schatten die tollen Panoramen bestaunen, die die Stadt umgeben. Mutter und Tochter wollen nach 15 Uhr, sprich nach der Mittagspause, noch etwas käuflich erwerben. Wir drei Herren setzten uns währenddessen auf eine Parkbank. Mich überkommt Mittagsschlafschwere und ich bette meinen Kopf auf dem Oberschenkel des Erstgeborenen, die Beine lege ich quer über den Jüngsten. Das Gespräch der beiden mitgeführten Söhne handelt sich um Superhelden, ich nicke ein. Später soll ich sehen, wie die zwei Bengel ein lustiges Foto machten, in dessen Mitte ich ahnungslos schlafend und ausgeliefert zu sehen bin. 

 

Bevor wir die Stadt verlassen, begeben sich meine liebe Schwiegermutter, ihr jüngster Enkel und ich uns auf die Toilette. Ein Herr bedeutet uns, eine Frau mit „Bambini“ befindet sich in den Räumlichkeiten. Wir gedulden uns, hören die holländische Frau reden, das Kind argumentieren, dann weinen und schließlich einen Bock bekommen. 10 Minuten später sind sie endlich fertig und kommen raus. Ich lasse meinen beiden Begleitern den Vortritt und höre mir den Bericht über die etwas vermiefte Luft an. Was mich dann trifft, hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht erwartet. Ich laufe gegen eine unsichtbare Kackewand. Meine Geruchsnerven krampfen sich schreiend zusammen, ich würge den Kotzreiz runter und versuche mich auf das schöne Panorama zu konzentrieren, das sich mir durch das weit geöffnete Fenster beim Pinkeln bietet. Leider muss ich irgendwann wieder atmen und bekomme wieder die volle Dosis Kinderkackemief ab. Nur nicht brechen, denke ich, spüle, wasche mir die Hände und verlasse den Ort des Grauens.

 

Auf dem Heimweg erstehen wir noch ein paar Nahrungsmittel. Am heimischen Platz ist heute Burgerabend, das wussten wir davor aber leider nicht. Und so verstauen wir die Lebensmittel in den Schränken und Kühlgeräten und begeben uns zur Nahrungsquelle. Für gute 65 Euro werden wir alle satt, es schmeckt und sogar das Bier ist kalt. Wie kann ein Tag besser enden.

 

 

 

Tag 16 - Wellenreiter

 

Der Tag ist wenig spektakulär. Wir hören die Wellen schon an unserer Parzelle rauschen, es muss richtig was los sein. Unsere Sonnencremerentnerin verweigert heute die Fahrt mit dem Rad zum Strand, sie will laufen. Zu groß ist die Angst, zu stürzen und dann urlaubsunfähig zu sein. Einverstanden, sie läuft los, wir packen die Badesachen und radeln hinterher. Unsere Seniorin scheint sich im Laufschritt fortbewegt zu haben, gelingt es uns doch tatsächlich nicht, sie einzuholen. Als wir den Strand erreichen, steht sie bereits im Badeanzug vor den Wellen und schaut gen Elba. Wir gehen zu ihr. „Das ist Elba“, erkläre ich ihr. „Na klar“, antwortet sie lachend, der Blick übermittelt jedoch die Antwort: „Willst Du mich verarschen?“ Abermals sage ich, hier handelt es sich um Elba. Meine Liebste ist währenddessen mit den Jungs, Gott sei Dank unseren eigenen, im Wasser verschwunden. Ich brülle gegen die Brandung an: „KANNST DU DEINER MUTTER BITTE SAGEN, WELCHE INSEL DAS DA DRÜBEN IST?!“ Sie blickt mich an, versucht die Wortfetzen zu einem sinnvollen Inhalt zusammen zu setzen und antwortet fachgerecht: „Blau!“ Erneut stelle ich die Frage, dieses Mal so laut, auch die Elba-esen dürften die Frage gehört haben und im Chor antworten: „Wir sind hier auf Elba!“ Aber auch meine Frau hat die Frage nun verstanden und bestätigt das Gesagte. Ganz überzeugen kann sie ihre Mutter augenscheinlich zwar nicht, aber das gibt meine SchwieMu nicht zu.

 

Eine steife Brise peitscht die Wellen gen Ufer. Kaum jemand ist im Wasser. Der Rettungsfachmann hat Rot gehisst. Meine drei Familienmitglieder planschen im knietiefen Wasser und lassen sich die Wellen gegen die Körper peitschen. „Schau mal“, sage ich zur mitgeführten Schwiegermutter, „wie schön doch unsere Kinder spielen!“ Kichernd schauen wir den Dreien zu, während das Wasser uns die Füße wegzuziehen droht. Ein großer, etwa 57-jähriger Mann geht an uns vorbei. Wir staunen. Er ist behaart wie King-Kong und bekäme wahrscheinlich bei einem Casting für das Remake des Films die Rolle. Dunkle Wolle überspannt seinen Oberkörper, an den Schultern steht die Haarpracht grau ab. Jeder Schäfer würde überlegen, ob die Wolle nach der Schur verarbeitbar wäre. El Locko geht allein ins Wasser. Dann verlieren wir ihn aus den Augen. Nach etwa fünfzehn Minuten steigt er mit einem älteren gebückt laufenden Mütterchen wieder aus dem Meer. Hat er die unterwegs gefunden? Ist das vielleicht die nun etwas in die Jahre gekommene Arielle, die gerade aufgetaucht ist? Handelt es sich um Treibgut, welches er im tieferen Wasser gefunden hat? Ich weiß es leider nicht und traue mich auch nicht, das Wollwunder zu fragen.

 

Zurück am Platze gehen wir duschen und begeben uns ins Auto. Ziel: San Vincenzo. Einen Parkplatz finden wir entgegen der Erfahrungen, die wir in vergangenen Urlauben in diesem Städtchen machten, ziemlich schnell. Ein italienisches Pärchen packt gerade die Kinderschar aus. Dabei verlieren sie ihr im Kinderwagen sitzendes Töchterchen aus dem Auge. Das leichtgängige Schiebegefährt entwickelt eine Eigendynamik und rollt mit der jungen Dame über den Parkplatz. Die Eltern bekommen es nicht mit. Meine aufmerksame Liebste bemerkt es und ruft hinüber: „Heda, junger Recke! Obacht, das Kindlein rollet dem Strande entgegen! Schnell, werfet Euch davor und stoppet die wilde Fahrt!“ Naja, zumindest hätte ich es lustig gefunden, hätte sie es so gerufen. Die Realität: „Eyyyyyy! Halloooooooo! Daaaaaa!“ Die jungen Eltern bekommen es nicht mit und so stimme ich ein. Nun schallmeien wir im Duett über den Parkplatz und können so die Aufmerksamkeit der Kindseltern bekommen. Die junge Mama macht ein paar Schritte vor und stoppt das Gefährt, der italienische Vater freut sich und ruft uns seinen Dank hinüber.

 

Wir bummeln die Promenade entlang. Eine steife Brise weht auch hier und wird durch die Gasse nochmal verstärkt. Unsere Hunde stehen da und ihre Ohren wehen lustig im Wind. Fast sieht es aus, als wollten sie mit ihren kleinen Flügelchen abheben und eine Runde drehen. Hin und wieder verschwinden Mutter und Tochter in Deko- und Bekleidungsgeschäften, die beiden jungen Herren in Spielzeug- und Sportgeschäften. Ich probiere nacheinander die Bänke der Promenade aus und beobachte interessiert die Passanten. Ältere, sehr hübsch angezogene und elegante Italienerin promenieren hier entlang, genau wie ein britisches Paar um die 40 mit ihrem ca. 20-jährigen Sohn, alle ziemlich dürr und augenscheinlich mit Drogenvergangenheit. Eine Prostituierte läuft hüftschwingend an uns vorbei, das ist neu. Ach nein, stelle ich dann fest, sie ist gar nicht vom leichten Gewerbe, ist sie doch in Begleitung einer nicht minder prägnant bekleideten Freundin und dreier Herren um die Achtzehn, die gockelgleich nebenher stolzieren. Ein Hundeführer, der die Hundeschule anscheinend oft geschwänzt hat, wird von seinem auf den Hinterbeinen laufenden Hund - die Vorderbeine sind oben, er lehnt sich mit aller Kraft in die Leine, während er aggressiv bellt - durch die Einkaufspassage gezogen. Möglicherweise ist an dieser Stelle der Begriff „Hundeführer“ auch etwas missverständlich. Eher möchte man den Hund als „Menschenführer“ bezeichnen. Ich sehe aber auch Menschen, die ihre möglicherweise beinlosen Minihunde, die garantiert Tiffi, Pupu, Mimi oder aber auch Butcher, Mörder oder Biest heißen, auf dem Arm durch die Gegend tragen.  Diese Tiere sind oftmals nicht nur abgrundtief hässlich, sondern scheinen zu denken, sie wären He-Man oder Hulk. Möglicherweise handelt es sich aber auch nicht um zwei Lebewesen, sondern um Mutanten. Die Hunde, wenn man sie denn guten Willens so bezeichnen möchte, sitzen gar nicht auf dem Arm. Vielmehr sind das menschliche Körper und Köpfe, denen anstatt des Armes ein Hund gewachsen ist. X-Men, die Rache des Pinschers. 

 

Ein Hüngerchen plagt uns, wir suchen ein Restaurant. „Reservato?“, werden wir an jeder Tür empfangen und beim Verneinen wieder abgewiesen. Egal, wir gehen zum Auto und fahren zu unserem Lieblingsitaliener in Castagneto Carducci. Dort ergattern meine Lieblingsreisebegleiterin, ihre Mutter und ihr ältester Sohn kampfeserprobt den letzten Tisch. Und so klingt ein weiterer Tag mit Wein, Weib und Gesang aus.